001 EINLEITUNG: Über Manifeste und Personen, die sie schreiben

Manifeste schreien. Sie diagnostizieren Missstände und proklamieren Veränderung. Sie nehmen die grosse Kelle in die Hand und scheuen die pathetischen Gesten nicht. Manifeste sind Texte, die oft nach Freiheit schreien, aber denen selbst keine Freiheit gelassen wird. Es sind Texte, die möglichst eng an der Bedeutung, welche die Schreibenden ihnen einschrieben, gelesen werden sollten. Die Gedanken der Lesenden sollten nicht herumwandern und abdriften, sondern ohne Ablenkungen dem Leitfaden in die bessere Zukunft folgen. Verweilungen werden nicht geduldet. Das ist hier kein Spaziergang, das ist eine ernste Sache. Ein Manifest kennt keine Schattierungen, sondern Gut und Schlecht. Und es hat eine klare «Message», über die nicht verhandelt oder diskutiert werden sollte. Soweit der Plan. Manifeste sind Texte, welche Instrumente sind, welche die Gedanken formen sollten.

Natürlich nehmen sich Personen, die Manifeste schreiben, irgendwie zu ernst in ihren Meinungen und Entdeckungen. Dennoch - das sollte man ihnen zu Gute halten -  probieren sie, die herrschenden Zustände zu verändern. Sie reklamieren und lamentieren und provozieren, aber sie schlagen immerhin auch etwas Neues oder Anderes vor. Sie werfen einen Gedanken -oder auch gleich einen ganzen Sack voll Gedanken zur Betrachtung in die Runde. Sie wagen sich aufs Papier – sozusagen ins freie Feld, in die Gefahr des Abschusses – und versuchen dabei mehr oder weniger galant in ihren Manifestationen die etwas peinliche Tatsache der Selbstüberhöhung zu kaschieren. Die Unmengen an tragischen Gesten, die ein Manifest erfordert, wollen wir gar nicht erst versuchen, zu verstecken, das würde der Peinlichkeit eher noch zu dienen. Generell empfehle ich deshalb, jedes Manifest mit ein bisschen Humor hinter den Mundwinkeln lesen. Ich persönlich habe die Strategie der offenen Entblössung gewählt und werde in den folgenden Zeilen mit möglichst viel Genuss die Freude an der eigenen Meinung zelebrieren. Jede*r, die*der dabei heimlich Neid empfinden sollte, empfehle ich ebenfalls ein Manifest (Titelvorschlag: Manifest egal wofür) zu schreiben.

 

 

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Ich habe mir schon mehrmals gewünscht (und durchaus auch probiert), mein Mensch-sein aufgeben zu können und zu etwas anderem zu werden. Weil ich mich – ich probiere jetzt, das so wenig pathetisch wie möglich auszudrücken – schäme, ein Mensch zu sein. Angesichts der letzten paar hundert Jahre oder vielleicht auch tausend Jahre.

 

Ich schäme mich, einer Art anzugehören, die es geschafft hat, vor allem sich selbst zu erfinden – diese ungemeine Leistung des Menschheits-Kollektivs ist nicht zu unterschätzen. Wahrscheinlich merken wir es nicht, aber wir arbeiten schon seit längerer (wirklich längerer!) Zeit, alle am gleichen Ziel: Mensch zu sein. Wir waren nämlich nicht immer Menschen. Wir starteten mal als Tiere und zwar genauer als Homo Sapiens. Heute würde ich mich aber natürlich nicht mehr als Homo Sapiens definieren, sondern als Mensch. Voilà, das ist die Leistung von mehreren tausend Jahren Kulturgeschichte. Nun, was ist denn jetzt genau Mensch? Mensch ist dasjenige Tier, was sich als Menschen ausgibt. Ja, Mensch sein ist kein Zustand, es ist eine Behauptung. Eine Behauptung, die fortwährend beglaubigt werden muss. Die ich aufrecht (aufrecht im doppelten Sinne) erhalten muss und die andere als richtig anerkennen. Das ist das kulturelle System. 

Mehr darüber, was MANIFESTE mit HÄNDEN (lat. manus) zu tun haben könnten, findet Ihr hier


Manifeste schreien. Sie diagnostizieren Missstände und proklamieren Veränderung. Sie nehmen die grosse Kelle in die Hand und scheuen die pathetischen Gesten nicht. Manifeste sind Texte, die oft nach Freiheit schreien, aber denen selbst keine Freiheit gelassen wird. Es sind Texte, die möglichst eng an der Bedeutung, welche die Schreibenden ihnen einschrieben, gelesen werden sollten. Die Gedanken der Lesenden sollten nicht herumwandern und abdriften, sondern ohne Ablenkungen dem Leitfaden in die bessere Zukunft folgen. Verweilungen werden nicht geduldet. Das ist hier kein Spaziergang, das ist eine ernste Sache. Ein Manifest kennt keine Schattierungen, sondern Gut und Schlecht. Und es hat eine klare «Message», über die nicht verhandelt oder diskutiert werden sollte. Soweit der Plan. Manifeste sind Texte, welche Instrumente sind, welche die Gedanken formen sollten.

Natürlich nehmen sich Personen, die Manifeste schreiben, irgendwie zu ernst in ihren Meinungen und Entdeckungen. Dennoch - das sollte man ihnen zu Gute halten -  probieren sie, die herrschenden Zustände zu verändern. Sie reklamieren und lamentieren und provozieren, aber sie schlagen immerhin auch etwas Neues oder Anderes vor. Sie werfen einen Gedanken -oder auch gleich einen ganzen Sack voll Gedanken zur Betrachtung in die Runde. Sie wagen sich aufs Papier – sozusagen ins freie Feld, in die Gefahr des Abschusses – und versuchen dabei mehr oder weniger galant in ihren Manifestationen die etwas peinliche Tatsache der Selbstüberhöhung zu kaschieren. Die Unmengen an tragischen Gesten, die ein Manifest erfordert, wollen wir gar nicht erst versuchen, zu verstecken, das würde der Peinlichkeit eher noch zu dienen. Generell empfehle ich deshalb, jedes Manifest mit ein bisschen Humor hinter den Mundwinkeln lesen. Ich persönlich habe die Strategie der offenen Entblössung gewählt und werde in den folgenden Zeilen mit möglichst viel Genuss die Freude an der eigenen Meinung zelebrieren. Jede*r, die*der dabei heimlich Neid empfinden sollte, empfehle ich ebenfalls ein Manifest (Titelvorschlag: Manifest egal wofür) zu schreiben.

 

 

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Ich habe mir schon mehrmals gewünscht (und durchaus auch probiert), mein Mensch-sein aufgeben zu können und zu etwas anderem zu werden. Weil ich mich – ich probiere jetzt, das so wenig pathetisch wie möglich auszudrücken – schäme, ein Mensch zu sein. Angesichts der letzten paar hundert Jahre oder vielleicht auch tausend Jahre.

 

Ich schäme mich, einer Art anzugehören, die es geschafft hat, vor allem sich selbst zu erfinden – diese ungemeine Leistung des Menschheits-Kollektivs ist nicht zu unterschätzen. Wahrscheinlich merken wir es nicht, aber wir arbeiten schon seit längerer (wirklich längerer!) Zeit, alle am gleichen Ziel: Mensch zu sein. Wir waren nämlich nicht immer Menschen. Wir starteten mal als Tiere und zwar genauer als Homo Sapiens. Heute würde ich mich aber natürlich nicht mehr als Homo Sapiens definieren, sondern als Mensch. Voilà, das ist die Leistung von mehreren tausend Jahren Kulturgeschichte. Nun, was ist denn jetzt genau Mensch? Mensch ist dasjenige Tier, was sich als Menschen ausgibt. Ja, Mensch sein ist kein Zustand, es ist eine Behauptung. Eine Behauptung, die fortwährend beglaubigt werden muss. Die ich aufrecht (aufrecht im doppelten Sinne) erhalten muss und die andere als richtig anerkennen. Das ist das kulturelle System. 

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