FÜR EIN POSTHUMANISTISCHES THEATER

Wie lange steht der Mensch schon auf der Bühne? Oder präziser: Wie lange steht der Mensch schon auf der Bühne?

Es ist Zeit, dass er auch anderen Menschen, Wesen und nicht-menschlichen Akteuren Platz im Scheinwerferlicht und somit auch Platz in der Erzählung gibt.

 

 Hat das Theater eine Sonderstellung unter den Künsten in Bezug zum Thema «Mensch?»/Posthumanismus?

Klar, vorweg, ich bin selbst Theaterschaffende und man neigt dazu, neu gefundene Krankheiten erstmal in einer Eigendiagnose zu erforschen. Mein Ausgangspunkt ist aber, dass das Theater eine Sonderposition unter den Künsten in der posthumanistischen Kritik haben sollte, weil im Theater (und Tanz) «der Mensch» das Mittel, das auftretende Material selbst ist. Kombiniert man dies mit der starken Gewichtung von Repräsentation durch die (räumliche) Theatersituation lässt mich dies zur These kommen, dass das Theater nicht bloss unterstützend, sondern konstitutiv ist für die westliche Konzeption einer (weissen, männlichem, heteronormativem) Norm- und Idealvorstellung von Mensch-sein, die wir sie seit dem Anbeginn des Humanismus verfolgen.

Andere Künste vermitteln sich über Bilder, über Farben, über Objekte und nonhumane Materialien (ja, auch Taxidermisches gehört hier leider dazu), über Video, über Fotografie, über Musik, über Text, über Gedanken und Denkweisen. Aber Tanz und Theater greifen (in den aller allermeisten Fällen) zum Menschen. Dabei wird nicht reflektiert, was dieses «Medium» Mensch denn nebst dem zu transportierenden Inhalt vermittelt. Andere Künste tun dies. Sie machen sich Gedanken, welche Rahmenbedingungen für Erleben und Erkenntnis ihre Medien schaffen. Wie sie beeinflussen. Und was sie – technisch bedingt -  aussparen…oder ermöglichen. Theater tut dies auch. Jedoch an der falschen Stelle. Theater denkt, dass sein Medium die «theatrale Situation» ist, die Gegenüberstellung von Agierenden und Zuschauenden, von Bühne und Zuschauerraum – die räumliche Situation. Und mit weiteren Medien ergänzt wird: Text, Szenographie, Choreographie, Licht… Mag ja auch stimmen. Das Theater vergisst aber sein wichtigstes Material, nämlich den Menschen. Es braucht sinnigerweise den Posthumanismus, um den Menschen als Material im Theater überhaupt erst erkennbar zu machen, indem es den menschlichen Körper in eine Reihe von weiteren agenziellen Materialien stellt. Und plötzlich fällt auf, dass es sehr wenige Theaterstücke gibt, die ganz ohne Menschen funktionieren – und ich meine hier auch Abbilder und Homunkuli des Menschen wie Puppen und anderes Anthropomorphisiertes. Eine Aufführung der Gruppe Trickster-p kommt mir in den Sinn. Und upstairs geology. Teilweise.

Das Theater ist ein Medium, in welchem Repräsentation sehr stark gewichtet ist. Normvorstellungen wurden auf der Theaterbühne deshalb besonders sorgsam ausgeführt. Wer stand (und steht immer noch) auf Theaterbühnen? Wer hatte Zutritt zu ihnen? In der vormodernen/vorhumanistischen Zeit waren es Gaukler*innen, Aussätzige, Vagabundierende, Umherziehende, welche mit Volksstücken von Ort zu Ort reisten. In dieser Zeit waren es also Menschen, die eher gerade nicht einem Normbild entsprachen, welche auf den Brettern dieser Welt standen. Das änderte sich mit der frühen Moderne und dem Einzug des Humanismus. Seit dieser Zeit stand fast ausschliesslich das humanistische Idealbild von Mensch auf der Bühne: Ein gesunder, weisser, heteronormativer Mann. Das Liebes-Drama spielte sich vor allem in einem heteronormatives Rollenverständnis ab. Ironischerweise wurde ab dieser Zeit Frauen der Zugang zu Theaterbühnen untersagt. Und das ach so heteronormative Rollenverständnis (natürlich denken wir an Romeo und Julia) wurde von zwei Männern gespielt. Die Frau war in dieser Zeit nur durch ihr Abweichen von der männlichen Norm auf Bühnen präsent. Ihr Körper war ein Zeichen, das Zeichen eines weiblichen Kleidungsstückes oder einer weiblichen Maske, welche über den männlichen Körper gelegt wurde. Die Frau war somit nur als Leere, als Abwesende präsent. Es ist also durchaus markant, dass das Theater in der vormodernen/vorhumanistischen Zeit einer Vielzahl von diveresen Mensch*innen Zugang zur Bühne gewährte, während sich dies markant wechselte, sobald der Humanismus und seine Normvorstellungen (der vitruvianische, männliche Mensch) sich in Europa einnisteten.

Aber wieso ist das Theater im westlichen Kulturkreis geradezu konstruierend für diese Konzeption von Mensch ist? Wie schon angetönt. Theater ist ein ästhetisches Medium, welches unweigerlich um Repräsentation geht. Allein schon wegen seiner Raumsituation, welche stark hierarchisch konstruiert ist und sehr klaren Regeln folgt: Ein/e oder mehrere Menschen sind der Mittelpunkt des Geschehens. Sie stehen im Scheinwerferlicht, in einem speziell separierten Teil des Raumes, welcher meistens erhöht ist. Die Blicke der restlichen anwesenden Menschen auf eine ausgewählte Schar. Die Aufmerksamkeit muss dieser ausgewählten Schar gehören. Das Publikum sollte still sein. Die ausgewählte Schar spricht. Und vor allem darf sich das Publikum nicht in den heiligen Bereich der Bühne bewegen. Natürlich gibt es seit dem epischen Theater und vor allem seit der Postmoderne und dem postdramatischen Thheater gewollte Durchbrüche dieser Regeln. Begleitend zu Strömungen, welche verkörperte Politiken im Alltagsgeschehen (Foucault, Gender Studies,…) wurde die Vormachtstellung des Bühnengeschehens vermehrt in Frage gestellt, die Ko-Präsenz des Publikums auch als Mit-Autorschaft einbezogen und eine erhöhte Inklusion von Menschen auf der Bühne gefordert, die nicht der klassischen Normvorstellung entsprachen. Das hat das Problem ein bisschen gekittet, jedoch nicht eigentlich gelöst. Verschiedenen Menschen Zutritt zur Konzeption Mensch/zum Anthropos zu gewähren, löst nicht das Problem des Anthropozentrismus. Mit der Inklusion von weiblichen, schwarzen, homosexuellen, polyamourösen, indigenen, mit Beeinträchtigungen und Behinderungen lebenden Körpern wird die Vormachtstellung des weissen Menschen kritisiert – und mit dieser Kritik geht meistens auch eine Verbündung mit nicht-menschlichen Akteur*innen einher. Die Kritik, die von dieser Inklusion ausgeht, betrifft aber nicht automatisch den Anthropozentrismus an sich (auch wenn sie dies oft auch tut). Es ist deshalb wichtig, diese Strömung als eine wichtige Verbündete wahrzunehmen – und ich verweise auch noch einmal darauf, dass es auch sehr gerechtfertigte Kritik am weissen Posthumanismus gibt. Allein mit der Inklusion dieser menschlichen Körper stehen immer noch nur Menschen auf Theaterbühnen. Scheinheilig wird dies dann, wenn mit der erstarkten Klimadebatte vermehrt Kritik am Anthropozentrismus auf Theaterbühnen praktiziert wird, ohne darüber nachzudenken, was das Theater selbst eigentlich zu diesem Anthropozentrismus beiträgt.

 

Ein Theater, das Anthropozentrismus kritisiert, denkt auch über seinen eigenen Anthropozentrismus nach. 

Der Mensch im Theaterraum

Weiterlesen

 

Das Pferd im Theaterraum

weiterlesen


 

Das Auto im Theater

weiterlesen


Kommentar schreiben

Kommentare: 0