Was ist Posthumanismus?

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Es macht durchaus Sinn, den Leuten vorher zu erklären, zu was genau man sie bekehren (passender: verwandeln) will, bevor man gleich mit Argumenten und Erklärungen um sich schleudert.

Posthumanism comes in all flavors. (Zitat von Haraway?)

Posthumanismus ist kein einheitliches Denken, keine klar ein- oder abgrenzbare Strömung und ist teilweise sogar widersprüchlich in seinen Zielen und Absichten. Aber ich denke, das entspricht eigentlich genau dem Thema. Etwas, was die menschliche Hierarchie, die Macht der Sprache und Begriffe, der Definitionen, Klassifizierungen, die Logik als System und Herrschaft hinterfragt, kann selbst natürlich[1] nicht einheitlich kategorisierbar und/oder logisch aufgebaut sein.

Posthumanismus hinterfragt Mensch-sein, hinterfragt die Werte von Mensch-sein, hinterfragt die Grenzen von Mensch-sein, hinterfragt die Hierarchien von Menschen und Nicht-Menschlichen.

Jede*r Humane denkt ihren*seinen eigenen Posthumanismus. Mensch sein… oder human sein… ist für jede*n ein anderes kulturelles Konstrukt, welches am eigenen Leib erfahren wird, und eine zu kreierende Identität[2].

Ja, ich spüre den Gähnreflex angesichts eines weiteren Post-Präfixes auch und weiss, wie leicht dieses Gähnen den Vorwurf der Mode-Erscheinung über die Lippen bringt: alles ist doch heute post. Sollten wir uns als Epoche wirklich dadurch charakterisieren, dass wir die Post-Geborenen, also die Nach-Geburten sind, welche sich in müden Kritisierungen der Vergangenheit vorwärtsschleppen in eine fantasielose Zukunft? Und dann klingt ja nur schon Humanismus alleine nach KantRousseauHumboldt und anderen weisen Alten…ich meinte natürlich weissen Alten. Doch hier sind wir schon im Thema gelandet. Hier geht es um einen WEISSEN Denkgeist, welcher zwar hochbetagt, doch hochpotent in unseren Köpfen, Rechtssystemen und Ethikräten spukt. Dieser Geist flüstert uns immer noch heimlich ein, wer oder was Mensch ist, und wie Menschen zu sein und auszusehen haben.

Es ist der Geist des Humanismus. Ja, wie nach althergebrachter Manifest-Manier geht auch in diesem Text zunächst einmal ein Geist herum. Seine Einflussnahme geschieht im Verborgenen und Unbewussten und das ist seine Gefährlichkeit. Viele bemerken seine Existenz gar nicht und nehmen seine Flüsterein als gegebenen Zustand. So ist die Welt nun einmal. Andere wissen um seine Existenz, unterschätzen aber seinen Einfluss in die heutige, hochmoderne, digitalisierte und globalisierte Welt. Dieser Geist – wie so viele andere weisse Sachen- ist so allgegenwärtig, dass er unsichtbar ist. Und wie ein richtiger Geist ist er überall, er durchdringt die Wände, die Schranken, er nistet sich in unserem Denken und unserer Sprache ein und er manifestiert sich in Objekten, er wird real in unseren Büchern, in der Architektur, die uns umgibt, in der Musik, die wir hören, in den Gegenständen, die wir tagtäglich verwenden. Er manifestiert sich in unseren Genen, unseren Körpern und er manifestiert sich sogar in den Genen unserer Heim- und Nutztiere und unserer Kulturpflanzen.

Diesen Geist gilt es aufzuspüren, sichtbar zu machen – und auszutreiben (tragische Geste mit dämonischem Lachen im Hintergrund). Nein, Scherz. Es geht hier nicht um Geisteraustreibungen, es geht auch nicht um das Zerstören von Traditionen oder Kulturen, sondern um das VERWANDELN. Sowieso lässt sich dieser Geist nicht mit einem exorzistischen Cocktail aus noch mehr Intellektualität und Wissensansprüchen austreiben. Sondern mit Knoblauch. Oder mit sonst etwas, was nicht mensch-gemacht ist. Diesen Geist aus unseren Köpfen herauszubekommen, kann man nicht durch Lesen alleine machen. Es sei denn, unser «Lesen» würde auch die Texte von Nicht-Menschlichen umfassen. Wenn wir ihre Zeichengeflechte, ihre Äusserungen, ihre Spuren, ihre Sprachabdrücke in unserer Gegenwart lesen (also «auf-lesen» und er-fassen) lernen, so kommt man dieser Verwandlung im eigenen Kopf wohl eher auf die Spur.

Was ist also dieser Geist genau für ein Körper?

Ein Geist, der die Vernunft über alles hält. Welche Vernunft? Die Vernunft vom Menschentier – und es wäre auch genau diese Vernunft, die den Menschen aus dem Tier löst und ihn aufs Podest der Schöpfung stellt.

 

Vielleicht ist es auch hilfreich, kurz aufzureissen, auf welche Weisen man Menschen im westlichen Denken definiert hat.

èAnteil der Arbeit an der Menschwerdung

èDer Mensch ist dasjenige Tier, das denkt/sich als Mensch begreift

èDer Mensch setzt sich dadurch vom Tierreich ab, dass er über andere Tiere herrscht

Der Mensch ist ein Tier der Herrschaft und der Ausbeutung. Zumindest scheint die Geschichte dies so zu erzählen – und ich meine hier die historische Geschichtsschreibung ebenso, wie die alltäglicheren Geschichten, die in unseren Mündern kreisen und ein Bild vom Menschen als demjenigen Wesen, das herrscht, malen[3].

Mit Herrschaft kommen die Nicht-Herrschenden beinahe automatisch als die Beherrschten ins Sichtfeld: Tiere, Natur, Umwelt, Material -und nicht zuletzt auch Menschen. Jene Menschen, die gewaltsam beherrscht wurden und weiterhin beherrscht werden. Und alle Menschen, die von einem Menschenbild beherrscht werden, nach welchem die besten Menschen arbeitsfähig, fleissig, erfolgreich und diszipliniert sind.

Der Mensch ist das  Subjekt und der Rest ist Objekt. Es gibt zwei Möglichkeiten: Ich versuche, nicht mehr Mensch zu sein (dies kann sehr selbstzerstörerisch enden) oder ich versuche, das Menschsein zu ände
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Für Menschen gelten besondere Rechte. Natürlich hat der Mensch andere Rechte als die Tiere, der Mensch hat die Rechte ja auch erfunden. Und mit Rechten kommt die Ausbeutung der Anderen, all denen, die keine Rechte haben. Damit hat der Mensch auch das Morden erfunden. Tiere morden nicht, sie töten. Sie töten andere Tierarten oder Artgenossen als Verteidigung, aus Hunger oder was auch immer. Vielleicht würden wir ihnen zugestehen, dass sie sogar aus Liebe töten können. Mord ist aber dem Menschen vorbehalten. Menschen dürfen übrigens auch töten, also wenn ein Mensch ein Tier umbringt, dann heisst dies töten und ist – unter Einhaltung des «Tierschutzes» - erlaubt, er hat also das Recht dazu. Oder wenn ein Mensch einen Artgenossen im Krieg umbringt, heisst dies auch töten und nicht morden, denn er tut es auch im Recht.

 

Dass es so viele unterschiedliche Meinungen darüber gibt, was den Menschen denn jetzt eigentlich zum Menschen macht, gibt vor allem eine wichtige Information: Mensch sein ist immer etwas, das kulturell verhandelt wird. Und somit gibt es nicht die eine Art, «Mensch zu sein». Sondern es kursieren verschiedenste Konzepte davon, was «Mensch-sein» ausmacht. Interessant ist: Mensch-sein ist anscheinend «verhandelbar». Es ist nichts naturgegebenes, sondern entsteht innerhalb von spezifischen kulturellen Konventionen und Denkweisen. Somit ist «Mensch-sein», oder genauer: die Konzepte von Mensch-sein»/ von humanisierung veränderbar. Und an diesem Punkt setzen posthumanistische Strömungen an. Sie thematisieren die Veränderbarkeit und schlagen vor, Konzepte von menschlicher Existenz zu entwerfen, welche nicht auf Ausbeutung und Unterwerfung basieren. Posthumanismus versucht, das Mensch-sein neu zu denken. Das «Mensch sein» überhaupt erst als «Mensch denken» zu entlarven- und nicht als gottgegebenen oder naturgegebenen Zustand (was in dieser Denkweise in der Konsequenz absolut zusammenfällt).

Ich verweise auf drei Autor*innen. Zum ersten möchte ich mich hier an Foucault und seine Arbeit zur «Subjektivierung» anlehnen, die diesem ganzen Denken überhaupt erst einen Boden und die Werkzeuge zur Analyse beschert hat.

Ich empfehle alle jenen, welche den Anteil der humanistischen Philosophie an unserem heutigen Menschenbild untersuchen wollen, Rosi Braidottis Posthumanismus. Sie schreibt mit viel Wissen und analytischer Strategie darüber und ich empfehle, ihren Spuren zu folgen, wer mehr darüber wissen will.

Ein Kapitel bleibt im Posthumanismus leider immer noch untervertreten und das die Kritik an seiner selbst, nämlich dem weissen Posthumanismus. Ich verweise deshalb auf eine Autorin, die dieses Kapitel prägnant in die posthumanen Diskussion einbringt: Kathrin Yussof. Ihre Kritik bezieht sich zwar vor allem auf den Begriff Anthropozän, respektive unseren humanisierenden, universalisierenden Umgang mit dem Wort Anthropos. Anthropos, der Mensch, wird, scheinheilig oder naiv, in einen Begriff verflochten, welcher die Machenschaften, die Ausbeitungen und Umgangsweisen der Menschheit mit dem Planeten kritisiert- und gerne wird dabei vergessen, dass die Verantwortung an diesem Problem vor allem (oder sogar ausschliesslich) bei dem weissen und westlichen Teil der Menschheit liegt. Eine Verantwortung der gesamten Menschheit (was der Begriff anthropos im Anthropozän suggeriert) gerade denjenigen zu unterstellen, die sogar doppelt von dieser ausbeuterischen Geisteshaltung betroffen sind und zwar 1. unmittelbaren und direkt an ihren nicht-weissen Körpern betroffen sind und 2. An ihren geologischen Umfeldern. Der Süden ist von den direkten Auswirkungen des Klimawandelns um einiges stärker betroffen als der Norden und durch die oben genannte ausbeuterische Geisteshaltung befinden sich ihre Nationen[4] durch historisch gewachsene oder radikal aufgezwungene Prozesse auch nicht in der finanziellen Lage, diese Auswirkungen auf das Land und seine Bewohner*innen abzufedern.

Diese Kritik am Begriff Anthropozän (und wie er verwendet wird) durch Yussof finde ich absolut gerechtfertigt und diese Kritik ist unbedingt auf den gesamten Posthumanismus auszuweiten. Ich komme deshalb nocheinmal auf den Begriff post-HUMANISMUS zurück. In den Posthumanistischen Strömungen werden andere Konzepte als die klassische westliche Subjektivierung entwickelt, es wird die Kategorie «Mensch» hinterfragt. Nun gibt es (mindestens, gerne ergänzen!) zwei Punkte, welche es unbedingt zu beachten gilt:

-          Lange wurden bestimmten Menschen und Menschengruppen die Zugehörigkeit zur Kategorie «Mensch» verweigert oder graduell abgesprochen. Sie befanden sich unfreiwillig in dem Bereich, der den Posthumanist*innen (mich eingenommen) so utopisch und vielversprechend erscheint: Der Bereich des Hybriden, Cyborgs, des Monsters, des Humanimal, des lebendigen Materials. Es kann deshalb geradezu fies und ironisch[5] diesen Menschen gegenüber sein, zu behaupten, wir seien alle Cyborgs oder wenn wir es noch nicht sind, so wäre unser aller unabdingbares Ziel, solche Figuren zu werden. Diese Menschen kämpfen immer noch um ihr Recht als Menschen angesehen zu werden und deshalb auch ihr Menschen-Recht einfordern müssen. Nur weil es jetzt den Posthumanismus gibt, heisst es nicht, dass wir nicht immer noch an der allgemeinen Durchsetzung der Menschenrechte arbeiten sollten. Und natürlich geht hier die Debatte noch viel weiter, wenn wir an Menschen-Affenrechte, Tierrechte und Naturrechte denken. 

 

-          Die «neuen» Formen von Subjektivierung sind nicht unbedingt so neu wie wir zu denken glauben. Nicht-westliche Denktraditionen praktizieren solche Konzepte seit ihrem Anbeginn der Zeiten und bekommen zu wenig Beachtung und Achtung. Es gilt natürlich auch: Vorsicht vor appropriation. Es ist nicht die Idee, diese nicht-westlichen Denktraditionen zu klauen, zu übernehmen und in einer (erneut) westlichen Bewegung zum Verschwinden zu bringen, sondern sich sorgfältig mit ihnen zu beschäftigen und ihre Namen (Selbstbezeichnungen natürlich) und ihre Herkunft immer zu nennen. Ich verweise hier noch kurz auf Isabelle Stengers und ihren Text «Den Animismus zurückgewinnen». Das Wort Animismus ist natürlich auch eine Fremdbezeichnung (anima lateinisch für Seele) und erzählt alleine als Begriff schon genug über die exotistische Erwartung, die «animistischen» Denktraditionen entgegengebracht wird.

 



[1] ; )

[2] Meine Unterscheidung von «Mensch-sein» in eine Ebene von kulturell vorgenormter Konstruktion und  eine Ebene von «autopoietischer» Identitätskreierung gibt einen kleinen Vorgeschmack auf die Bedeutung des Begriffes «Subjektivierung». Dieses Konzept wurde von Foucault ins Leben gerufen, er konzipiert den Begriff in unterschiedlichen gesellschaftlichen Spannungsfeldern von Wissen, Macht, System, in welchen das einzelne Objekt teils autonom, teils als den eigenen und gesellschaftlichen Subjekt-Normen»Unterworfenes» (lateinisch subiectus, unterworfenes) auftritt. Subjektivierung ist also ein Prozess zwischen der (mehr oder weniger erzwungen oder unbewusst unfreiwilligen) Weiterführung von gesellschaftlich genormten Prozessen und deren Ablösung in subversiven, autonomen Akten von «Anders-Subjektivierung». Wichtig ist: Wer sich wie subjektiviert, subjektivieren darf oder subjektiviert wird, ist ein Politikum.

[3]

[4]  Die vielleicht nicht einmal Nationen sein möchten oder in eine (verdächtig geradlinige) Form gepresst wurden, die überhaupt nicht ihren geosozialen und geologischen Lebenswelten entsprach.

 

[5] Auf eine für die ironisierte Person nicht angenehme Art

Eine kurze Video-Einführung von Rosi Braidotti zum Thema Posthumanismus

ab Minute 17.32 spricht Zakiyyah Iman Jackson 

Kathryn Yusoff
Video-Lecture

GEOLOGIES OF RACE - UNEARTHING THE GROUND OF THE HUMAN

 

 

 

 

 

 

A BILLION BLACK ANTHROPOCENES OR NONE

Kathryn Yussof

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