Wieso sollen wir posthuman sein?

In Zeiten des Klimawandels ist es doch eigentlich klar, wer sich hier eigentlich verwandeln müsste. Nein, nicht die Umwelt muss sich verwandeln. Nicht die Tiere müssen sich verwandeln, um mit den neuen Lebensbedingungen zurecht zu kommen. Es muss sich auch nicht zwingend die Technologie weiterverwandeln, um das «Umweltproblem» zu lösen. Denn sogar das selbstfahrende Auto, welches seinen Antrieb aus der restlosen und abgasfreien Verwertung von Industrieabfällen gewinnt, wird die Welt nicht im Alleingang retten. Und ja, natürlich ist es zwingend, dass sich der Kapitalismus verwandelt. Mir persönlich wäre es am liebsten, er würde sich in eine möglichst inexistente Form verwandeln, aber darüber lässt sich debattieren, ich bin offen für andere Vorschläge. Undebattierbar ist jedoch, dass der Kapitalismus einer der Hauptverdächtigen ist, wenn es darum geht, die grössten Schadensverursacher unserer Zeit ausfindig zu machen (und ich meine hier nicht nur ökologische Schäden, sondern auch soziale Schäden. Und überhaupt ist die Verstrickung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Fragen ist ja wohl wirklich kein Geheimnis mehr. Präziser wäre es ja auch zu sagen, dass es sich nicht um ganz allgemein «den Kapitalismus» handelt, sondern der Spät-Kapitalismus einer globalisierten Weltordnung, welche der modernen Marktwirtschaft oberste Priorität zugesteht. Ja, ich mache es extra spannend. Der Kapitalismus ist nämlich nicht der Tätige – sondern die Tatwaffe. Kapitalismus (behaupte ich jetzt mal so ganz kühn) würde es nicht geben, wenn der (westliche) Mensch sich (und seinen Profit) nicht als das Zentrum der Welt sehen würde. Das Grundproblem oder Überproblem oder Kernproblem (je nachdem welche psychologische Hierarchieordnung Sie präferieren), sind wir selber. Wir sind das Problem. Und um es gleich deutlich zu machen, mit «Wir» bezeichne ich mein westliches Kulturumfeld, meine weissen Mitmensch*en in privilegierten Positionen. Wir können so nicht weiter machen. Wir müssen ein anderes Konzept von menschlicher Existenz auf diesem Planeten finden, wir müssen unser Mensch sein anders definieren und anders denken. Wir müssen uns verwandeln.

Es kann nicht länger darum gehen, dass unser Verständnis von Mensch-sein darin besteht, sich von allen anderen abzusondern. Sich aus der Gaia, aus dem Chaos, aus dem Tod sogar, herausziehen zu wollen und ins Ufo des aufklärerischen Subjektes zu steigen, welches übrigens mit der Kraft der reinen Vernunft angetrieben wird, in der Hoffnung, diesem Erden-Matsch zu entkommen. Aber ach, auch dieser Treibstoff scheint nur begrenzt vorhanden zu sein und die Reichweite eines solchen Fluchtdenkens bleibt beschränkt. Wir bleiben auf dem Boden...stecken.

Es kann nicht länger darum gehen, dass dieser Mensch dasjenige Tier ist, das über andere herrscht. Es kann nicht länger darum gehen, dass nur der Mensch das Subjekt ist und alles andere zum Objekt erklärt und über «es» verfügt.

Es kann nicht länger darum gehen, dass dieser Mensch dasjenige Tier ist, das von Vernunft beherrscht wird – oder seine Vernunft eben zu beherrschen versucht.

Es kann nicht länger darum gehen, dass dieser Mensch seine Wertvorstellungen, seine Ordnungssysteme, sein Wissen als das Alleingültige und «Wahre» erklärt. Es kann nicht länger darum gehen, dass dieser Mensch die Geschichte alleine schreibt – oder zumindest sich als Alleiniger «Schreibender» wähnt. Es kann nicht länger darum gehen, dass nur die Perspektive von diesen Menschen erzählt wird.

Wir müssen endlich in ein respektvolles Miteinander mit den übrigen Agenten und Aktanten unserer Umwelt kommen!

Ich plädiere deshalb dafür…

1.       Das Mensch-Sein nicht so wichtig zu nehmen (wir sind nicht der Mittelpunkt der Erde, wir kratzen nur so auf ihrer Oberfläche herum)

2.       Das Mensch-Sein als ein Prozess von «Werden» (in starker Anlehnung an Deleuze/Guattari) zu begreifen, als ein «Werden», welches nicht linear, sondern planear, dreidimensional, rhizomatisch und komplex abläuft)

3.       Mensch-Sein als etwas sozial Konstruiertes zu begreifen (-> Foucault, Subjektivierung)

 und somit auch anderen (bisher als nicht-menschlich angesehenden) Akteureninnen den Zugang zu Mensch-sein zuzugestehen

 

Donna Haraway propagiert: «make kin, not love”. Ich paraphrasiere: schert euch nicht so sehr um die Reproduktion und den durchaus kritischen Fortbestand euerer eigenen Spezies, sondern begreift euer Dasein auf diesem Planeten als ein «transspeziezistisches» Gefüge. Wir (ein anderes Wir, sehr viel übergreifender gemeint, hoffentlich nicht übergriffig wirkend) leben in vielschichtigen Geflechten, Netzwerken, Symbiosen. Wir sind alle Bewohner*innen dieses Planeten und wir sind Viele und Unterschiedliche. Wir sind Organismen, Bakterien, Viren, Technologien, digitale Objekte und noch all das, von dem Wir nicht mal wissen, dass es existiert.

 

Und hier – genau hier! ist ALLERSPÄTESTENS der Punkt, wo die Künste sich angesprochen fühlen sollten. Denn Kunst (das ist jetzt meine eigene Definition) ist das Produkt oder Ereignis eines Zusammenspiels zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Komponenten. Der Ton, der die Skulptur wird oder der Raum, der die Choreographie mitbestimmt oder die Darmbakterien, die auf das Gemüt der Künstlerin wirken -sie sind Teil des Kunstwerkes.

Ich bin ein Feind davon, der Kunst bestimmte Aufgaben zuzuschieben. Kunst darf sein, was sie will. Sie hat nicht klimapolitischen Zielen zu dienen, sie hat weder dem Fortbestand der Menschheit auf diesem Planeten zuzudienen, noch hat sie deren soziale Probleme zu lösen, noch muss sie irgendwelche Veränderungen in den Köpfen der Menschen bewirken. Aber natürlich darf sie das alles tun und sie kann hier auch sehr wirkmächtig sein.

Tatsächlich scheisst mir ein Vogel gerade jetzt auf den linken Ringfinger, während ich diese Zeichen in die Tastatur tippe. Ich fasse dies als eine gekonnt «gesetzte» aktivistische Kunstintervention auf, die primär das Wesen adressiert, das diese Zeilen schreibt – auch wenn es nicht die alleinige Autorschaft beansprucht, so ist es doch ein menschliches Gedankenwerk, das hier als Motor der Sache benutzt wird und natürlich hat man auf dieses Wesen erst einmal zu scheissen, um seine durch und durch menschliche Perspektivensicht zu durchbrechen. Wie soll man auch sonst auf sich aufmerksam machen?

Und so kommen wir über Scheiss-Aktionen wieder zurück zur Kunst. Was ich mit diesem Manifest erreichen will, ist eine Reflexion innerhalb der Künste über ihre eigene Position und Perspektive,und zwar insbesondere im Theater. Denn auch in denKünsten sitzt der weisse Geist der Menschenherrschaft und reproduziert sich fleissig.  

Kunst kann man (und wurde bis anhin auch) als eine Art Königsdisziplin des «Menschlichen» erfasst. Kunst war sogar geradezu «mensch-machend» - sie wurde zur Produktion unserer Konzeption von Mensch-sein eingesetzt. Denn Kunst kann im ganz primären Sinne als Verfügen über Material und Objekte – in diesem engeren Sinne also als Kunsthandwerk – gesehen werden und steht somit ganz am Anfang der Geschichte der Objekte, welche von Menschen beherrscht wurden. Kunst kann also das Beherrschte und das Mittel zum Beherrschen zugleich sein. Wiedereinmal: Das KANN es sein – muss es aber nicht zwingend sein.

Wieso heisst dieser Text aber «Manifest für ein posthumanistisches Theater?» Ich werde später argumentieren, dass dem Theater eine (nicht ganz so ruhmreiche) Sonderrolle unter den Künsten zusteht, wenn es darum geht, wer am fleissigsten (und wahrscheinlich unbewusstesten) das westliche-weisse (oder einfach weiss-tliche) Bild von Mensch-sein sät, giesst, aufzieht und weiterversamen lässt.

Und daher richtet sich dieser Text in allererster Linie auch an meine Berufskolleg*innen. Doch wem dieser Text hilft, welchen Geistern auch immer nachzujagen, die*der soll sich hier zur freien Inspiration willkommen fühlen. 

 

Als Zusammenfasssung des 1. Kapitels möchte ich mich kurz an die Transhumanisten wenden. Auch um nochmals zu verdeutlichen, weshalb sich mein Posthumanismus ganz klar und eindeutig von jeglichen transhumanistischen Gedanken distanziert.

Liebe Transhumanisten

 

Die kognitive Erkenntnisleistung unserer Hirne ist eng verbunden mit der materiellen Einbettung in unsere dicken und fleischhaften Körper. Du denkst nicht, ohne eine Hirn zu haben (auf alle Fälle nicht auf menschliche Art) und Mensch, mensch, wirst du bleiben. Dieses Feld zwischen Tier und Übermensch (danke an Nietzsche für die Beackerung dieser Wildnis), indem der Mensch scheinbar zum verzweifeltem Verweilen verdammt ist, bis er es endlich schafft, sein Hirn in eine Datenwolke heraufzuladen, ist übrigens ein ganz tolles, fruchtbares und vielfältiges Feld. Und überhaupt – sollte diese Hirnauflösung in Datentransferprozesse sogar möglich sein, wird sie auch spassig sein? Wofür ewiges Leben, wenn man nicht essen, vögeln, schlummern oder spazieren kann? Wovon kann man denn noch träumen? Ihr werdet auf ewig in euren Hirnen gefangen sein, in der radikalen Mensch-Werdung bleiben, sprich stagnieren, ihr werdet keine neuen Dateninputs mehr bekommen! Denn ihr werdet keine Augen, keine Hände, keine Ohren, keine Nase und keine Zunge mehr haben. Sprich, ihr werdet nur über das nachdenken, was euch schon bekannt ist. So lässt sich nicht gut denken. Wenn wir aber zurück auf die Erde kehren, auf dieser fruchtbare kleine Feldchen zwischen Tier und Übermensch, werdet ihr euch mit allerlei komischen Hybridformen verlustieren können. Hier lässt sich Unendlichkeit entdecken – und vor allem geniessen. Das haben (gewisse, nicht alle) Posthumanisten nämlich begriffen. Der Mensch hatte durchaus auch schon vor der Umweltkrise das Bedürfnis, das inhärente Bedürfnis, ein Anderer zu werden und dies nämlich seit der Vertreibung aus dem Paradies. Ja, es scheint ja die Mensch gerade auszumachen, dass sie wer anders sein will, werden muss! Nur was? Wenn Mensch-sein nämlich darin besteht, sich ständig zu verändern, und du es schlussendlich endlich schaffen wirst, dein Mensch-sein verlassen zu können – zu dem Zeitpunkt wirst du ja dann nicht mehr Mensch sein. Du bist Mensch nur, solange du dich in metamorphisierenden Prozessen befindest. Und lass es mich nochmals sagen, diese Prozesse sind toll. Sich in diesem chaotischen Matsch fortwährend neu zu definieren, zu verwandeln, zu morphisieren- dies ist der wahre Spass, weshalb es sich am Ende vielleicht doch lohnt, (ein verwandelter) Mensch zu sein – und zu bleiben. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0