Über Hände

Wie oben bereits geschrieben, kommen Händen bei Manifesten eine besondere Bedeutung zu. Hände haben aber überhaupt eine wichtige Bedeutung, wenn es darauf ankommt, den Menschen von den anderen Tieren zu unterscheiden.


Hände – das haben (fast) nur Menschen. Bei Menschenaffen spricht man von ebenfalls von Händen, aber der Rest hat Pfoten oder Hufe. Hände haben sich wegen einer ganz spezifischen Funktion entwickelt und zwar können sie greifen. Während nichtmenschliche Affen die Greif-Fähigkeit ihrer Hände vor allem fürs Klettern einsetzen, benutzen Menschen ihre Hände eher, um mit Objekten zu operieren, wobei natürlich beiderseits viele Ausnahmen zu finden sind. Die westliche Denktradition, die Welt in Subjekte und Objekte zu teilen, geht vielleicht aus einem nicht geringen Teil aus der Tatsache hervor, dass wir «Greifer» sind, welche besonders gut mit ihren Körpern auf um sie liegende Gegenstände, Akteur*innen einwirken können. Das Wort be-Greifen könnte uns dabei helfen, zu untersuchen, inwieweit diese physische Fähigkeit überhaupt zu einem Denken über Objekte inspiriert hat.

Das Denken in Subjekten und Objekten -überhaupt das ganze abstrakte Denken, könnte man als ein «metaphysisches» oder einfach gedankliches Verfügen über die Welt, indem man es begreift, verstehen.  Jegliche Interpretation von Welt, der Zuteilung in ein Ordnungssystem, der Zuteilung (oder Unterordnung) zu einem Zweck, wurde deshalb schon oft als Geste der Machtausübung kritisiert. Wieviel Macht üben wir also über unsere Umwelt aus, indem wir sie be-greifen?

Hände haben in der Menschenwelt keine einfache Position. Sie werden als nötig vorausgesetzt (was nicht sein muss) und werden trotzdem selten beachtet. Rufen Sie sich die Gesichtszüge oder die körperlichen Proportionen Ihrer Bekannten in Erinnerung. Und versuchen Sie dies jetzt mit ihren Händen. Dabei irritiert uns jede noch so kleine Veränderung, jeder kleine Schnitt an der Fingerkuppe über alle Massen und tagelang.  Es ist mir sehr bewusst, dass es Menschen ohne Hände gibt und dass diese erstaunliche Wege finden, in unserer handorientierten Lebenswelt zurecht zu kommen. Auch Menschen ohne Hände können über Dinge verfügen. Sie können heben, greifen, schreiben, streicheln, Instrumente spielen, Maschinen bedienen,… und natürlich können sie auch Dinge begreifen und abstrakt über sie verfügen. Die Anwesenheit von Händen ist kein Merkmal von menschlicher Existenz. Hände sind aber entscheidend für die Entwicklung von menschlichen Kulturen. Dass wir wie selbstverständlich davon ausgehen, dass Menschen Hände haben, zeigt viel eher die Wichtigkeit, welche Händen in der Menschenwelt zugewiesen wird.  Über die Erfahrungen von Menschen ohne Hände können wir viel über unsere Hand-orientierte Kultur lernen und uns hinterfragen, wieso Hände denn überhaupt so wichtig zu sein scheinen. 

 

Auch körperliche Fähigkeiten und ihre Verbindungen zu unserem Denkapparat haben in der westlichen Denktradition eine schwierige Position. Man geht nach wie vor davon aus, dass das Hirn die Kontrolle über den Körper ausübt -und es deshalb unmöglich sein kann, dass eine körperliche Fähigkeit, wie der Besitz von Händen, ein abstraktes Denken überhaupt erst möglich gemacht hat. Und auch wenn wir, gestützt auf heutige wissenschaftliche Erkenntnisse, das Verhältnis von Hirn und Körper stark relativieren müssen – das Hirn könnte man auch einfach als eine ausgelagerte koordinierende Schaltzentrale ansehen, der keine besondere Aufmerksamkeit zukommt, da die Ausführung ganz bei den Operatoren liegt – so bleibt dies eine gewagte These. Dass diese These jedoch als «gewagt» aufgefasst wird, zeigt uns aber auf alle Fälle viel mehr über unsere wissenschaftlichen Denk-Normen auf. Uns es bleibt zu untersuchen, welche Autorschaften unser Körper und seine Fähigkeiten, an unserem Denkapparat haben.

èWelchen Anteil haben die Hände an der Schrift? Wie sähe eine menschliche Kultur ohne Hände aus?

Aber kommen wir noch einmal zu den Händen. Sie können vor allem zwei Sachen: Greifen und Tasten. Kombiniert man diese zwei Fähigkeiten miteinander, kommen wir zu einer wunderbaren Tätigkeit, welche Menschen ausüben können: streicheln und massieren. In menschlichen Kulturen hat Sex einen wichtigen Stellenwert. Er wird vergleichsweise wenig zur reinen Fortpflanzung betrieben, sondern gehört eindeutig in den Bereich von persönlichem, zwei (oder mehr-)samen Vergnügen. Auch hier können wir nochmals fragen, inwieweit die Existenz von Händen unsere Praktiken von Sexualleben beeinflusst haben.

 

Andere Tiere massieren sich zwar durchaus auch gegenseitig, jedoch tun sie dies mehr mit der Nase (zB Pferde) oder der Zunge (Katzen). Nutz- und Heimtiere tun viel für den Menschen -ob sie wollen oder nicht. Sie bekommen dafür Unterhalt, Nahrung, vielleicht sogar medizinische Versorgung. Doch eigentlich ist dies ein karger Lohn für ihre Arbeit. Die Zuwendung, die wir ihnen über Streicheln und Massage geben können, sollte daher mehr beachtet werden. Es ist eine altruistische Form von Wertschätzung des Anderen, von Empathie und Einfühl-samkeit. Im Moment des Streichelns interagieren wir mit unseren Händen mit einem Gegenüber, ohne über dieses zu verfügen

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