MILO

Wie kam es, dass eine Katze Mitautor*in dieser Texte wurde? Katzen sind die Tiere des gekonnt inszenierten Aufmerksamkeitsbedürfnisses. Wie scharfäugige Dramaturg*innen erkennen sie das Potenzial, welche Positionen gezielt Aufmerksamkeit erzeugen und die Handlung produktiv verändern oder verhindern können. Deshalb setzen sich Katzen wahnsinnig gerne auf Tastaturen. Milo beherrscht diese Kunst ebenfalls. Und so kam es, dass er eines Tages damit begonnen hat, sich ebenfalls in diesen Text einzuschreiben. Mit dem Effekt, dass er nicht nur meine Aufmerksamkeit in jenem Moment des Schreibprozesses erregte, sondern mit jeder einzelnen seiner Schreib-Interventionen Sie, liebe*r Leser*in den Momenten in denen Sie dieses Manifest lesen, in ihrer Lese-Erfahrung beeinflusst. Milo hat es also geschafft, eine Aktion zu lancieren, deren Wirkung weit über den eigentlichen Moment der Intervention anhält. Doch nicht nur das, er hat die Art und Weise, wie ich meine Gedanken in diesem Schreibprozess Form werden lasse, massgebend geprägt. Und er hat mir dazu verholfen, eine posthumanistisch-künstlerische Strategie zu entwickeln, welche durch eine Offenheit für Interventionen, Prozesshaftigkeit, Beeinflussungen durch Andere geprägt ist. Es ist ein künstlerisches Schaffen, das die Bedingungen seiner Entstehung mitthematisiert. Dass erfahrbar macht, wie sehr mich das Beisein meiner Katze darin beeinflusst hat, diese Arbeit zu schreiben und zu denken. Ich sitze beim schreiben und denken an unterschiedlichsten Orten in meiner Wohnung. Wenige Textstellen habe ich ausserhalb meiner Wohnung geschrieben. In vier Zimmern habe ich geschrieben, nämlich im Schlafzimmer auf dem Bett, im Wohnzimmer auf dem Sofa und am Esstisch, in der Küche am Küchentisch und im Arbeitszimmer am Schreibtisch. Irgendwann fiel mir auf, dass Milo sich nicht mehr am Schreibprozess beteiligte. Das kommt natürlich nicht so gut an, wenn man eingangs gross herumposaunt, eine Katze würde am Text mitschreiben. Und sich diese Katze dann aber aus dem Schreibprozess wieder völlig herausnimmt. Ich überlegte mir also, wieso Milo sich nicht mehr beteiligte. Da ich in der Anfangsphase des Schreibprozesses lockerer an die Sache ranging, schrieb ich auf dem Sofa und dem Bett. Mit dem Involvieren von mehr Literatur war es einerseits einfacher, am Tisch zu arbeiten. Andererseits kam in mir ein Gefühl von Unprofessionalität hoch, weshalb sich meine Schreibarbeit in dieser Zeit vor allem am Schreibtisch und am Esstisch vollzog. Und die Katze absichtlich über die Tastatur zu locken, kam mir geradezu verbrecherisch vor: Ein posthumanistisches Manifest zu schreiben und dafür ein Heimtier zur Mitarbeit und Mit-Kreierung von geistigem Eigentum zu manipulieren ist wohl der Gipfel eines Zusammenspiels von künstlerischer Inkonsequenz und kapitalistischer Ausnutzung. Nicht die Katze muss sich also ändern, sondern meine Art und Weise, diesen Text zu schreiben. Ich schreibe diesen Text nun bewusst an unterschiedlichen Ortschaften, in unterschiedlichen Zimmern und auf-in-und-an unterschiedlichen Möbeln. So erreiche ich eine Zugänglichkeit für nicht-menschliche Akteur*innen, wie beispielsweise der Vogel, der mir in so einem passenden Moment (auch hier wieder: perfektes Gespür für die Momente dramaturgischen Hoch-Potenzials bei nicht-menschlichen Akteur*innen) beim Schreiben auf die Hand geschissen hat. 

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