Gegen den Logozentrismus im Theater (und überhaupt in der Kunst)

Gegen den Logozentrismus im Theater (und überhaupt in der Kunst)

Der Mensch ist nicht mehr Herr im Oberstübchen hat uns unser lieber Freund Doktor Freud offenbart. Vielmehr ist unser Ich ein kleiner Knirps zwischen zwei grossen, ziemlich kräftigen und ungeh90m,obelten Typen. Klar, dem «Es», dem tierischen grossen Monster und aber auch das Über-Ich ist an seiner Kraft und seinem «bullyhaften» Getue dem kleinen Ich-lein gegenüber nicht zu unterschätzen. Das kleine Ich-lein ist nun damit beschäftigt, irgendwie in diesem Kollektiv der ungleichen Kräfte eine gemeinsame Stossrichtung zu finden, die Kräfte der beiden anderen produktiv und in eine Stossrichtung zu bündeln. Mensch könnte also sagen, es ist hier die Dramaturgin in diesem Gefüge. Meine These ist, dass Theater aktuell vor allem für das Über-Ich gemacht wird. Man «liest» Theaterstücke, sucht nach ihrer Interpretation, ihrem gesellschaftlichem Bezug, ihren Vorschlägen für Verhaltensweisen und Denkweisen.

Mit Freud könnte man vielleicht behaupten, dass das antike Dramenmodell durchaus probiert hat, Es und Über-Ich zusammenzubringen. Dass die Katharsis dafür bestimmt war, die Triebe des Es aufzufangen und sie in die Ebene des Über-Ichs zu transzendieren, sozusagen zu «veredeln». Das Bedürfnis, mit der eignen Mutter zu schlafen wird zu einer moralischen Fragestellung transzendiert: Ist es ok, die Bedürfnisse des Einzelnen über die Regeln der Gesellschaft zu stellen? Voilà, der Ödipus-Komplex, eine bis anhin höchst höchst höchst private, da tabuisierte Sache, wird plötzlich «gesellschafts-fähig».

Aktuell befinden wir uns aber in einer Phase, in welcher mit posthumanistischen Strömungen hinterfragt wird, ob es denn überhaupt so schlau ist, sich nur an das Über-Ich zu halten. Welches Über-Ich denn überhaupt propagiert und angestrebt wird? Ob die Ausrichtung an dieses Über-Ich nicht auch ausbeuterische, fatale Folgen für die Umwelt haben kann? Denken ist nicht unbedingt gut. Würde auch der Bandwurm sagen. Denn bekanntlich war der mal viel schlauer, hatte viel mehr Hirnkapazität – vielleicht ja sogar mehr als wir? Und merkte dann, dass das gar nicht so gut war und hat sich zurückevolviert zu einem dümmeren, aber wahrscheinlich glücklicheren Parasiten.

Wie sehr das Theater mit dem Logozentrismus unserer westlichen Denktradition verbandelt ist, sieht man vor allem bei zwei Theater-Konzepten. Erstens dem «Theater als moralische Anstalt» von Schiller und zweitens dem «Theater der Entfremdung» von Brecht. Beide Theater-Konzepte wollen über Theater gewisse Fähigkeiten trainieren (im ersten Fall moralisches, gesellschaftliches und ästhetisches Urteilsvermögen, im zweiten Fall kritische, politische Fähigkeiten zur Analyse von herrschenden Zuständen). Beide Theater-Konzepte geistern meiner Empfindung nach wie vor stark in unserem westlichen Theater-Verständnis herum. Theater heisst denken, heisst politisch denken, heisst Kritik, heisst mit-Hintergrund-Texten-überladene Programmhefte und verkrampfte Publikumsgespräche. Heisst in der Folge: (staatlich subventioniertes) Theater richtet sich vor allem an ein akademisch gebildetes Publikum, welche sich bereits vor dem Theaterbesuch die Fähigkeiten erworben hat, den Theaterbesuch einordnen und analysieren zu können.

 

Ein Theater, das die Bereiche des Lebens, welche dem klassischen Es zugeordnet werden (Triebhaftigkeit, Tierhaftigkeit) verhandelt, führt dabei nicht zwangsläufig zu einem Theater, dass die Rezipientenin in ihrem Es , ihrer Körperlichkeit (mitsamt ihren Bandwürmern), ihrem körperlichen Empfinden mitanspricht, wenn diese Verhandlung weiterhin auf einer ausschliesslich intellektuellen Ebene stattfindet und keinen ehrlichen MIT-EIN-BE-ZUG dieser Es-Bereiche vollzieht. Miteinbeziehen ist ein kompliziertes, aber spannendes Wort. Ziehen und Zugkräfte sind fortwirkende Kräfte, welche zwischen Polen, Parteien, Entitäten, Akteur*innen (…) bestehen. Die Beteiligten werden gegenseitig von einander be-einFLUSSt (auch so ein wahnsinnig aufschlussreich sinnbildliches Wort) und in dieser gegenseitigen MiteinbeZIEHUNG und BeeinFLUSSung  steckt das prozesshafte und prozess-auslösende Potenzial einer Veränderung unserer Art, zu sehen, zu empfinden und zu denken. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0