Wie sieht eine posthumane Künstleridentität aus?

Ich hatte eine Phase, in welcher ich als Künstlerin Mühe hatte, Material überhaupt zu formen. Wie kann ich als Anti-Anthropozentrikerin weiterhin ein Künstlermensch sein, die ihre Ideen in ihrem Verstand ausgären lässt und sie dann einem Material aufzwingt? Ich entwerfe mich ja selbst als Künstlerinnensubjekt, indem ich einer zuvor eigenwilligen, aktiven Masse den Objektstatus aufzwinge. Ich missbrauche das Material, indem ich es zu Kunstobjekten verforme, mittels denen ich wiederum meine Künstleridentität (und somit auch einen grossen Teil meiner Subjektivität) selbst erschaffe.

(ich gehe davon aus, dass Material immer lebendig ist, das sich im Spiel mit Kräften wie Erosion oder Schwerkraft verformt, verändert, bewegt oder auf einer Atomebene vibriert).

Wie kann ich als Künstlerin die Dialektik von Subjekt und Objekt durchbrechen?

 

 

Wer bin ich, zu bestimmen, was dieses SEIN/Material für eine Form anzunehmen hatte? War es doch sowieso nur ein zeitlich vorübergehender Aufzwang einer Künstlerinnen-Fantasie. Aber man könnte es auch anders sehen. Nun, man kann es auch anders sehen. Wie oben beschrieben, ist es ja in Wahrheit viel eher das Material, das mich «angeht», mich anschaut, mich anruft und ich leiste ihm Folge. Aber dies ist ein anthropomorphisierendes Denken. Dem Material Eigenschaften zuzugestehen, die eher zu einem Projektmanager gehören. Ich will mich hier nicht als eine Sklavin des Materials positionieren, die quasi einem Medium einem Auftrag eines Materialgeistes Folge leistet und eine weltliche Übersetzung eines Ausdruckswillens schafft. Nein, ich denke, ein dritter Weg ist möglich und möchte hier vielmehr eine äusserst aktiv wechselseitige Zusammenarbeit beschreiben. Materialien fragen. Sie fragen mich und ich frage sie. Wir arbeiten zusammen in wechselnder Beeinflussung. Beschäftigt man sich mit der Herkunft der Materialien, ihrer Geschichte, ihren Produktionsverfahren, kommen oft sogar sehr unangenehme Perspektiven ins Spiel. Und das Material kann plötzlich gefährlich werden. Ist es ok, mit diesem Material überhaupt zu arbeiten? Wo und unter welchen Bedingungen wurde das Material hergestellt? Wer hat dabei profitiert? Und was wurde dabei riskiert oder verloren? Was ist die alltägliche Funktion? Wie und in welchen Situationen tritt mir das Material entgegen? Welche Verwertungsketten des Kapitalismus unterstütze ich, wenn ich dieses Material für Kunstzwecke anschaffe? Welche Assoziationen löse ich damit aus? Welche Situationen reproduziere ich nur schon dadurch, in dem ich ein bestimmtes Material verwende? 

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