Manifest für das Material

Heidegger(the question concerning technology): For Heidegger, the artist doesn’t create the silver chalice nor is the chalice formed matter. Instead, he proposes that the silversmith is co-responsible for and indebted to other co-collaborators for the emergence of the “thing” as a silver chalice. (…) heidgegger’s rethinking of createdness and his re-interpretation of casuality shifts our understanding from the “form-matter” thesis to a notion of care and indebtedness between co-responsible elements. In sum, art is co-collaboration. (Carnal Knowledge).

Am Anfang meiner Schaffensprozesse steht nicht die Idee. Nein, eine Sekunde vor der Idee steht immer eine Begegnung mit einem Gegenüber. Manchmal ist dies ein Text. Meistens ist es ein Material, dem ich auf der Strasse oder sonstwo begegne. Ich laufe daran vorbei in meinem beschäftigten Alltagstrott von Gedanken, doch das Material hat mich schon längst angelockt, sendet seine Botenstoffe aus, umgarnt mein Unterbewusstsein, ruft wie eine Sirene. Und ich bleibe etwas irritiert stehen. Drehe mich um, peinlich schauend, ob mich kein Mitmensch dabei ertappt, wie ich gleich etwas völlig unerwartetet und kindisches mitten auf einer belebten Hauptstrasse in einem hippen Quartier mache: ich gehe zurück und staune. Manchmal möchte ich wie ein Kind mit offenem Mund an den Baustellen Halt machen und schauen, wie die Erde unter der dünnen Schicht der Strasse wieder hervorquillt. Wie sie gebändigt werden muss mit Wällen, Schutzrohren, Presslufthämmern und Asphalt. Dabei ist sie immer da und überall. Ganz Zürich ist immer noch Erde-untenrum. Man sieht es nur nicht, aber das heisst nicht, dass das Material verschwunden ist. Doch nicht nur die Erde geht mich an. Auch die vielerlei Plastikabfälle ziehen mich in ihren Bann. Derartig, dass aus einer braven gehobenen Mittelschichtstochter zu Nacht eine Baumulden-Diebin wird, die die vermeintlichen Abfälle – Schätze viel eher - aus den Müllbergen zieht. Ich werde also von Materialien angesteckt, sie schieben mir einen Virus rüber, auf den ich intuitiv und sofort reagiere. Und mich auf ein Spiel zwischen Aktion und Reaktion einlasse, dessen Ausgang mir niemals klar ist. Das Material spricht mit. Das Material spricht nicht nur während der Herstellungsphase mit, sondern es spricht auch die ganze Zeit im fertigen Kunstwerk. Das Material wird gesehen, gehört, gerochen, gelesen. Es spricht zu unseren Körpern, über die sinnlichen Wahrnehmung gelangt es in unsere Köpfe hinein, fragt, drängt, holt Bilder hervor und dialogisiert mit unseren Gedanken.

 

GEGEN DEN EINSATZ VON MATERIALIEN ALS BLOSSEM EINSATZ VON BILLIGEN ÄSTHETIZISMUS ZU WERBEZWECKEN (no materials were harmed in this production….)

Ich möchte noch, in einer kleinen nervigen Anmerkung – es sollte eigentlich eine Fussnote sein, aber da die ja doch nur sehr….. sehr wenige lesen, hat sich die nervige kleine Anmerkung jetzt hier in den Haupttext, quasi also das Hauptprogramm geschlichen und stürmt nun die Bühne. Was ich NICHT meine, ist Materialien, Kostüme, Körperveränderungen und co einfach nur zu verwenden, um ihre ästhetische Wirkung auszuschlachten. Um ein geiles Foto (möglichst im cleanen Fotostudio vor weissem Hintergrund geshootet) fürs Programmheft und für die Website zu machen. Ja, ich sehe das eigentlich ziemlich oft in der Welt der coolen europäischen Theater-Performance, dass irgendeine materialhafte Begegnung inszeniert wird – also zum Beispiel pinker Schleim, der in Nahaufnahme über enthüllte- aber peinlichst entsexualisierte – Körper läuft in einem Teaser-Filmchen, welches für ein Performane-Projekt über körperliche Nähe und Beziehung im 21. Jahrhundert wirbt und dann die grosse (aber heimliche) Enttäuschung: der pinke Schleim kommt in der Aufführung selber gar nicht mehr vor, dieses süsse, verführerische Momentchen in einer ratlosen Probenflaute wurde wegdramaturgisiert und die finale Performance ergeht sich als durchgetaktete, mit an sektiererische Gemeinschaftspraktiken erinnernden Publikums-Interaktionen in einer konzeptionellen Höchstleistung über die Bühne. Der pinke Schleim durfte dabei nur aufgrund seiner «catchyness» die Sinnlichkeit in einem kurzlebigen Werbemoment an»touchen» und verkommt im Nachhinein zu einer in seiner Abstraktion einer der Plattitüde verdächtigen Zeichenhaftigkeit: pinker Schleim ist irgendwie einfach voll geil weil so körper und irgendwie ecklig aber genau deswegen ja eben geil.

 

So stelle ich mir ein Materialtheater also nicht vor. 

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