POSTHUMANISTISCHES MANIFEST

 

 

1.       Menschen sind Tiere. Und als solche haben Menschen durchaus das Recht auf artgerechte Haltung. Das betrifft sowohl die Menschen, die in der Theaterproduktion tätig sind, als auch die Zuschauenden. Was heisst art-gerecht? Gerecht für die jeweilige Art, den «natürlichen» Verhältnissen entsprechend, an die Bedürfnisse der jeweiligen Tierart angepasst. Selbstverständlich können wir für nicht-menschliche Tiere nicht wirklich bestimmen, was für sie «natürlich» ist. Denn 1. Ist Natur eine Erfindung von Menschen und 2. Können wir die nicht-menschlichen Tiere nicht fragen, wie sie es denn gern hätten. Sich zu fragen, was wohl «natürlich» wäre für Menschen ist deshalb komplett absurd und ich verlange von niemanden, dass er*sie ihr Publikum auf Steinen sitzen lässt, nur weil wir uns so das Theater zu Fred Feuersteins Zeiten vorstellen. Wir können aber sehr wohl nach den Bedürfnissen von Menschen fragen, wissend, dass diese einerseits kulturell geprägt und konstruiert sind und sich andererseits individuell unterscheiden. Ein für Menschen artgerechtes Theater verschreibt sich deshalb höchster Inklusion, weil es auf die Bedürfnisse seiner Mitarbeitenden und Zuschauenden (und wir gehen ja davon aus, dass dies nicht nur eine gebildete, hochkulturell-trainierte Oberschicht) höchste Rücksicht nimmt.

 

Zuschauer*innen sind nicht nur Tiere, sondern auch Gäste[1]. Wir können davon ausgehen, dass die meisten ihren Consent dazu geben, in einem Theaterraum anwesend zu sein. Dennoch ist auf ihr Wohlbefinden zu achten. Die Zuschauer*innen sollten sich wann immer möglich frei bewegen können. Das stundenlange Einpferchen von Zuschauer*innen in sogenannte «Zuschauerräume» ist als temporäre Form der Massentierhaltung zwar sehr verbreitet, jedoch äusserst verwerflich und greift zudem die Würde des Tieres Mensch empfindlich an. Ebenso sollte Verpflegung in einem abgesonderten Teil bereit stehen, sowie jederzeit das Aufsuchen einer Toilette möglich sein. In der «Freilandhaltung» von Zuschauer*innen dürfen anatomiegemässe Sitz- und Ruhgelegenheiten jedoch nicht fehlen. Es ist immer äusserstes Merkmal darauf zu legen, den unterschiedlichsten Erscheinungsformen des Tieres Mensch entgegenzukommen und möglichst breite Zugänglichkeiten zu schaffen. Nicht alle Menschen können stehen oder sitzen oder laufen oder sehen oder hören oder riechen oder lesen oder sich besonders gut auf gehörte Texte konzentrieren oder Farben sehen oder sich selbst Verpflegung beschaffen oder mucksmäuschenstill sein (Liste gerne selbständig vervollständigen). Dies ist immer zu bedenken, sowohl bei der Architektur eines Theaterraumes, bei der Einrichtung des Zuschauerraumes und bei der Konzeption und Umsetzung von Theaterstücken.

 

Weiterführende Tipps zum korrekten Umgang mit sich selbst und anderen Menschen finden sie auf dem Merkblatt «Mensch – artgerechte Selbsthaltung».

 

2.       Der Mensch ist nicht der alleinige Mittelpunkt der Erde und somit ist er auch nicht der alleinige Mittelpunkt auf Theaterbühnen. Es gibt noch andere Aktanten und Akteurinnen. Wer also davon ausgeht, dass Theaterbühnen auch nur in entferntester Weise mit der Realität verbandelt sein könnten, sei es, dass sie die Realität abzubilden versuchen oder Alternativen zur bestehenden Realitäten zu entwerfen versuchen, sollte sich also zwangsläufig mit den anderen Bewohner*innen unserer Realität auseinandersetzen. (Für beinharte Realitätskonstruktivist*innen: Es ist hier nicht der richtige Ort, um in den ontologischen Grundsatzstreit zu gehen, ob eine Welt denn überhaupt ausserhalb unserer Wahrnehmung existiert. Wenn ihr davon ausgeht, dass alles, was ihr wahrnehmt, nur über euren Kopf konstruiert ist und deshalb schon mal rein alles, was euch begegnet, «mensch-gemacht», da «kopf-gemacht» ist, könnt ihr euch doch hinterfragen, welchen Stellenwert das Nicht-Menschliche in euren Kopfgeburten einnimmt, auf welche Weise und zu welchem Ziel es repräsentiert wird und welchen Hierarchien es unterliegt.

Wir brauchen mehr nicht-menschliche Akteur*innen auf Theaterbühnen, brauchen Zugänge zu ihren Perspektiven. (auch wenn dies eigentlich unmöglich ist, versuchen müssen wir es).

3.       Wir brauchen neue Konzepte von Subjektivierung. «Ich denke, also bin ich» ist out. Nicht nur Menschen können Subjekte sein und Menschen können auch noch ganz andere Subjekte sein. Sie können in Schwärmen agieren, sich in Materialien auflösen und neu zusammensetzen.

 

4.       Nicht-menschliche Tiere gehören nur unter ganz besonderen Umständen auf Theaterbühnen. Nicht-menschliche Tiere können keinen Consent geben, weshalb wir nicht mit ihrer Zustimmung zu einer Ausstellung auf Theaterbühnen rechnen können. Da Menschen Tiere sind, gehören sie zu jenen Tieren, welche unter besonderen Umständen auf Theaterbühnen auftreten. Dabei sind jedoch ihre Rechte und ihre Würde zu bewahren und ein ihnen artgerechter Umgang zu gewährleisten.

 

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[1] Eine Existenz als Tier und als Gast schliesst sich natürlich überhaupt nicht aus. Es wäre sogar sehr schön, wenn die (westliche) Menschheit, wenn sie schon den Grossteil der Erde als ihr Territorium beansprucht, die anderen Tieren wenigstens als Gäste der allerfeinsten Art behandeln würde. Als Gäste mit einem dauerhaften Wohnrecht, die nicht nur geduldet, sondern deren Wohlbefinden sogar allerhöchste Priorität beigemessen wird. Aber es ist wohl etwas symptomatisch, dass die Gastkultur in den westlichen Ländern nicht eben stark ausgeprägt ist. Die/Der/Das Andere nicht bloss als Fremden, als Andersartiger, als Monster zu sehen, sondern diese Figur als ehrwürdigen Gast im eigenen Heim willkommen zu heissen, würde die Hierarchisierung des eigenen Subjektes, der eigenen Kultur, die Definition des Eigenen mittels des Anderen vollends in Frage stellen. 

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