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Ein Blumenstrauch steht einem Ameisenberg gegenüber. Ich kann diese Situation als eine theatrale erkennen. Ich als Künstlerin, als Regisseurin ziehe also einen Theaterraum auf und erstelle eine Veranstaltung auf den sozialen Plattformen. Am 18. März 2020 um 20.00 wird an der Wiesenstrasse 56 das Stück «Ein Sommernachtstraum» von William Shakespeare aufgeführt. Es spielt der Ameisenberg. Im Zuschauerraum sitzt der §r Blumenstrauch.

Ich kann dies Theater nennen, denn wir können behaupten, dass der Blumenstrauch dem Ameisenberg zuschaut. Widerlegen können wir es nicht. Und so haben wir eine ganz klar aufgeteilte Bühnensituation – Bühne und Zuschauerraum, Aktor und Rezipient. Könnte man. Man könnte aber auch sagen, der Ameisenberg schaut dem Blumenstrauch zu. Kann man ja auch nicht widerlegen. Wahrscheinlicher ist aber, dass der Ameisenberg (und vor allem seine Ameisen!) in regem Austausch mit dem Blumenstrauch steht! Es handelt sich hier also um eine partizipative Form von Theater (oder durational performance, je nach Saison), bei welcher nicht klar ist, wo die Grenzen der Bühne und des Zuschauerraums genau verläuft, somit also eine momentan besonders angesagte Form von Performance! – ja wo sogar die Grenze des Theaterraums und der Aussenwelt klar verläuft, denn vielleicht bin ich, die ich mit meiner Sonnenbrille und meinem Sommerkleidchen danebenstehe und die ganze Szenerie fotographisch festhalte, ja ebenfalls teil des Geschehens und vielleicht ja auch der Rabe, der hinter mir im Baum sitzt und mich mit schrägem Kopf anschaut und so weiter und so fort. Und wir (also der Ameisenberg und der Blumenstrauch, ich und der Rabe und eine weitere unendliche Anzahl an unbekannten Mitspielerinnen) führen also dieses Perspektivwechsel-Rollenspiel «Ein Sommernachtstraum» auf.

 

Und wer sagt denn, dass das Theater der Steine (eigentlich müsste man ja von Performance sprechen) nicht Kunst ist. Oder Musik? Wir können keine ästhetischen Disziplinen für Andere bestimmen. Wir können nur sehen, dass unsere ästhetischen Disziplinen Sinn machen in der Welt, die wir uns konstruiert haben. Aber selbst dort schüttelt und rüttelt es gewaltig.

Im Theater geht es um Präsenz. Um Ereignis. Es geht um die Zeit und den Raum. DIE Zeit und DEN Raum. Ja, genau DEN Raum, den du dir jetzt vorstellst. Genau DA passiert etwas. Und du schaust zu. Du bist natürlich auch Teil des Raumes und Teil der Zeit. Du bist kein schwebendes Auge mit Ohren. Du bist da, du bist präsent. Du spielst eine Rolle. Also natürlich nicht in dem Sinne, dass du jemand anderen spielst. Du spielst ja eben nicht. Sondern bist einfach nur da, schaust und bildest mit der Anwesenheit deines Körpers einen Kon-text.

Nach Wolfgang Welsch (dass man die Wahrnehmungsform der Kunst auch zur Wahrnehmung von Wirklichkeit einsetzt, s.9) oder dass man in der Natur das Ästhetische entdeckt.

Darwins Singvögel. Welschs Beispiel von Bernie Krause, «Über die feinen Membrane der Mikrophone nahm er zum ersten Mal wahr, was seine Normalohren bis dahin überhört hatten: den überwältigenden Reichtum von Klngen, den ein Biotop hervorbringt. Dies wurde für ihn zum Erweckungserlebnis. Er hatte die Musik des Lebendigen entdeckt. Fortan widmete er sich dieser faszinierenden Naturmusik und ihren vielen «Symphonien».

 

Kann man dieses Werden, dieses Auftauchen als Kunst bezeichnen?
- Feliz Guattari/Gilles Deleuze

 

 

 «Und Deleuze/guattari sehen in diesen tierischen Ausdruckswelten eine aktuelle Parallelaktion zu den Verhältnissen in der menschlichen Kunst. Der Ausdruck der Tiere steht für sie also nicht in einem Ursprungsverhältnis zur Kunst, sondern beschreibt eine gleichzeitige Bewegung. Wobei die Tatsache der parallelen Bewegung nicht ausschliesst, dass es nicht auch zu gegenseitigen Befruchtungen kommen kann. Beziehungsweise sehen die beiden gerade in den Künsten eine immer wiederkehrende Bewegung zum tier hin, die sie «Tier-Werden» nennen.

Ein Blumenstrauch steht einem Ameisenberg gegenüber. Ich kann diese Situation als eine theatrale erkennen. Ich als Künstlerin, als Regisseurin ziehe also einen Theaterraum auf und erstelle eine Veranstaltung auf den sozialen Plattformen. Am 18. März 2020 um 20.00 wird an der Wiesenstrasse 56 das Stück «Ein Sommernachtstraum» von William Shakespeare aufgeführt. Es spielt der Ameisenberg. Im Zuschauerraum sitzt der §r Blumenstrauch.

Ich kann dies Theater nennen, denn wir können behaupten, dass der Blumenstrauch dem Ameisenberg zuschaut. Widerlegen können wir es nicht. Und so haben wir eine ganz klar aufgeteilte Bühnensituation – Bühne und Zuschauerraum, Aktor und Rezipient. Könnte man. Man könnte aber auch sagen, der Ameisenberg schaut dem Blumenstrauch zu. Kann man ja auch nicht widerlegen. Wahrscheinlicher ist aber, dass der Ameisenberg (und vor allem seine Ameisen!) in regem Austausch mit dem Blumenstrauch steht! Es handelt sich hier also um eine partizipative Form von Theater (oder durational performance, je nach Saison), bei welcher nicht klar ist, wo die Grenzen der Bühne und des Zuschauerraums genau verläuft, somit also eine momentan besonders angesagte Form von Performance! – ja wo sogar die Grenze des Theaterraums und der Aussenwelt klar verläuft, denn vielleicht bin ich, die ich mit meiner Sonnenbrille und meinem Sommerkleidchen danebenstehe und die ganze Szenerie fotographisch festhalte, ja ebenfalls teil des Geschehens und vielleicht ja auch der Rabe, der hinter mir im Baum sitzt und mich mit schrägem Kopf anschaut und so weiter und so fort. Und wir (also der Ameisenberg und der Blumenstrauch, ich und der Rabe und eine weitere unendliche Anzahl an unbekannten Mitspielerinnen) führen also dieses Perspektivwechsel-Rollenspiel «Ein Sommernachtstraum» auf.

 

Und wer sagt denn, dass das Theater der Steine (eigentlich müsste man ja von Performance sprechen) nicht Kunst ist. Oder Musik? Wir können keine ästhetischen Disziplinen für Andere bestimmen. Wir können nur sehen, dass unsere ästhetischen Disziplinen Sinn machen in der Welt, die wir uns konstruiert haben. Aber selbst dort schüttelt und rüttelt es gewaltig.

Im Theater geht es um Präsenz. Um Ereignis. Es geht um die Zeit und den Raum. DIE Zeit und DEN Raum. Ja, genau DEN Raum, den du dir jetzt vorstellst. Genau DA passiert etwas. Und du schaust zu. Du bist natürlich auch Teil des Raumes und Teil der Zeit. Du bist kein schwebendes Auge mit Ohren. Du bist da, du bist präsent. Du spielst eine Rolle. Also natürlich nicht in dem Sinne, dass du jemand anderen spielst. Du spielst ja eben nicht. Sondern bist einfach nur da, schaust und bildest mit der Anwesenheit deines Körpers einen Kon-text.

Nach Wolfgang Welsch (dass man die Wahrnehmungsform der Kunst auch zur Wahrnehmung von Wirklichkeit einsetzt, s.9) oder dass man in der Natur das Ästhetische entdeckt.

Darwins Singvögel. Welschs Beispiel von Bernie Krause, «Über die feinen Membrane der Mikrophone nahm er zum ersten Mal wahr, was seine Normalohren bis dahin überhört hatten: den überwältigenden Reichtum von Klngen, den ein Biotop hervorbringt. Dies wurde für ihn zum Erweckungserlebnis. Er hatte die Musik des Lebendigen entdeckt. Fortan widmete er sich dieser faszinierenden Naturmusik und ihren vielen «Symphonien».

 

Kann man dieses Werden, dieses Auftauchen als Kunst bezeichnen?
- Feliz Guattari/Gilles Deleuze

 

 

 «Und Deleuze/guattari sehen in diesen tierischen Ausdruckswelten eine aktuelle Parallelaktion zu den Verhältnissen in der menschlichen Kunst. Der Ausdruck der Tiere steht für sie also nicht in einem Ursprungsverhältnis zur Kunst, sondern beschreibt eine gleichzeitige Bewegung. Wobei die Tatsache der parallelen Bewegung nicht ausschliesst, dass es nicht auch zu gegenseitigen Befruchtungen kommen kann. Beziehungsweise sehen die beiden gerade in den Künsten eine immer wiederkehrende Bewegung zum tier hin, die sie «Tier-Werden» nennen.

Ich habe diesen Text schon so oft durchgestrichen und wieder reingenommen. Es ist fast wie eine Blasphemie, die ich nicht auszusprechen wage. Was ist, wenn Theater – ja die ganze Kunst, das ganze Kulturschaffen, nicht nur von Menschen gemacht wird? Ein Theater, das von Steinen aufgeführt wird und von Blumen «geschaut» wird?

Was ist, wenn auch Vögel Theater machen?

Natürlich, es schreit sofort um mich herum: sie haben kein Bewusstsein. DENN SIE WISSEN NICHT, WAS SIE TUN. Aber wer hat denn das Recht, zu bestimmen, worüber andere ein Bewusstsein hätten.

Wir kommen hier zu einer Frage, die übrigens nicht nur im nicht-menschlichen Theater verhandelt wird. Sie wird sehr wohl auch innerhalb des westlichen Sprech-Theaters verhandelt. Im Dis-abled Theatre. Wer darf Theater machen? Darf ich ein Theaterstück mit einer Person machen, welche mir nicht zeigt, ob ihr bewusst ist, in welcher Situation sie sich auf der Bühne befindet? Ob sie weiss, wie ihre Handlungen auf der Bühne gelesen werden? Wenn sie es mir nicht sagt, heisst das nicht, dass es ihr nicht bewusst ist.

Vielleicht machen Steine also doch Theater. Und zwar sehr bewusst. Vielleicht.

Vielleicht anthropomorphisiere ich Steine auch, indem ich sage, dass sie Theater machen? Nun, ich würde widersprechen. Ich sage nicht, dass sie Theater wie Menschen machen.

 

Es geht hier um die Frage, wie wir mit diesen Ungewissheiten umgehen. Wir betreten hier einen Raum mit ethischen Dimensionen. Der Mensch ist ein Tier des Bewusstseins. Ich denke, also bin ich. Unsere ganze Existenz als Menschen gründet zuallererst darin, dass ich denke. Und nicht, dass ich einfach bin. Doch bevor ich dachte, war ich. Ich war Tier. Die Bedeutung von Bewusstsein ist für den Menschen derartig zentral. Doch es geht hier nicht nur um die Frage, ob wir als Menschen das Bewusstsein für uns verpachten oder es auch bei anderen vermuten. Es geht hier um die Frage, wie wir als Tiere des Bewusstseins (des sich um seines Wissens bewusst sein) damit umgehen, NICHT ZU WISSEN. NICHT WISSEN ZU KÖNNEN.

WAS GEWINNEN WIR, WENN WIR DAS THEATER DER STEINE ZULASSEN?

Was verlieren wir, wenn wir

…. aufgeben, dass Kunst eine sichtbare Intention de*r Künstler*in braucht

… akzeptieren, dass es Theater auch im Nicht-Menschlichen geben könnte

 

 

Milo und ich sitzen auf nebeneinander auf unserer kleinen Bank im Vorgarten. Ein Frühling -Morgen, Passanten gehen vorbei. Aus dem Augenwinkel sehe ich ein Kind auf einem Tretrad anrollen. Sie bremst abrupt, als sie genau auf unserer Höhe ist, schaut zu Milo und sagt «Miau». Milo und sie schauen sich kurz in die Augen, dann rollt das Kind zufrieden weiter.


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