FÜR EIN POST-HUMANES THEATER

Von Milo, Mormi und Noemi

 

 

Inhalt

 

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001 EINLEITUNG: Über Personen, die Manifeste schreiben. 2

Was ist Posthumanismus?. 3

Wieso sollen wir posthuman sein?. 7

FÜR EIN POSTHUMANES THEATER. 10

Der Mensch im Theaterraum.. 12

Das Pferd im Theaterraum.. 12

Das Auto im Theater. 13

Idee für posthumanes Theater: 13

Was heisst Posthumanismus für die Kerndefinition von (westlichem) Theater?. 13

Für Ver-SUCHEN und ver-WANDELN.. 14

Gegen den Logozentrismus im Theater (und auch in der Kunst) 15

POSTHUMANISTISCHES MANIFEST. 15

Manifest für das Material 17

Wie sieht eine posthumane Künstleridentität aus?. 18

MANIFEST FÜR MONSTER. 19

MERKBLATT MENSCH – Richtlinien für eine artgerechte (Selbst)Haltung. 21

Was ist eine posthumanistische Praxis? / posthuman strategies Was könnte sie kennzeichnen?. 22

 

 

 

 


 

 

Der Mensch ist vielerlei. Aber vernünftig ist sie nicht. (Oscar Wilde).

 

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Es macht Sinn, einen Text zu Posthumanismus gemeinsam mit einem nicht-menschlichen Wesen zu schreiben (-> siehe Kapitel posthumanistische Praktiken).

Ich lasse alle Zeichen, die «mein» Kater[1] auf die Tastatur schreibt, in diesem Text integriert. Denn Milo und ich, wir tun alles gemeinsam. Wir lesen zusammen, wir dösen zusammen, wir topfen gemeinsam die Blumen um und natürlich schreiben wir auch gemeinsam Texte. Unsere Texte sind sehr unterschiedlich und es ist unbestreitbar, dass Schreiben das Metier von Menschen ist und Mausen das Metier von Katzen. Nichtsdestotrotz kann auch ich sehr wohl (und durchaus erfolgreicher als mein verwöhnter Kater) eine Maus fangen und auch mein Kater kann schreiben (ich bemühe hier bereits schon mal das Wort Agency, wir kommen später noch dazu) im Sinne, dass er etwas auf einem Computer bewirken und hinterlassen kann, Spuren legt, welche von anderen Wesen als Zeichen erfasst und interpretiert werden können. Ich zum Beispiel lese die schriftlichen Interventionen meiner Katze als vielschichtige Zeichen des Chaos, das uns alle umgibt, dass auch durch jedes Schriftzeichen dieses Textes atmet; das Chaos, in welchem wir alle leben und atmen, von dem wir bis in die letzte Zelle durchdrungen sind, die Willkürlichkeit, die Zufälle, das grosse Unbeschreibbare, das sich niemals in Wörter giessen lässt, sondern entflüchtet in seltsamen Zeichen von Offenbarungen aus Katzenpfotenhand. Aber natürlich steht es jedem Menschen frei, diese Zeichen zu deuten, wie sie es für richtig hält.

001 EINLEITUNG: Über Manifeste und Personen, die sie schreiben

 

Manifeste schreien. Sie diagnostizieren Missstände und proklamieren Veränderung. Sie nehmen die grosse Kelle in die Hand und scheuen die pathetischen Gesten nicht. Manifeste sind Texte, die oft nach Freiheit schreien, aber denen selbst keine Freiheit gelassen wird. Es sind Texte, die möglichst eng an der Bedeutung, welche die Schreibenden ihnen einschrieben, gelesen werden sollten. Die Gedanken der Lesenden sollten nicht herumwandern und abdriften, sondern ohne Ablenkungen dem Leitfaden in die bessere Zukunft folgen. Verweilungen werden nicht geduldet. Das ist hier kein Spaziergang, das ist eine ernste Sache. Ein Manifest kennt keine Schattierungen, sondern Gut und Schlecht. Und es hat eine klare «Message», über die nicht verhandelt oder diskutiert werden sollte. Soweit der Plan. Manifeste sind Texte, welche Instrumente sind, welche die Gedanken formen sollten.

Natürlich nehmen sich Personen, die Manifeste schreiben, irgendwie zu ernst in ihren Meinungen und Entdeckungen. Dennoch - das sollte man ihnen zu Gute halten -  probieren sie, die herrschenden Zustände zu verändern. Sie reklamieren und lamentieren und provozieren, aber sie schlagen immerhin auch etwas Neues oder Anderes vor. Sie werfen einen Gedanken -oder auch gleich einen ganzen Sack voll Gedanken zur Betrachtung in die Runde. Sie wagen sich aufs Papier – sozusagen ins freie Feld, in die Gefahr des Abschusses – und versuchen dabei mehr oder weniger galant in ihren Manifestationen die etwas peinliche Tatsache der Selbstüberhöhung zu kaschieren. Die Unmengen an tragischen Gesten, die ein Manifest erfordert, wollen wir gar nicht erst versuchen, zu verstecken, das würde der Peinlichkeit eher noch zu dienen. Generell empfehle ich deshalb, jedes Manifest mit ein bisschen Humor hinter den Mundwinkeln lesen. Ich persönlich habe die Strategie der offenen Entblössung gewählt und werde in den folgenden Zeilen mit möglichst viel Genuss die Freude an der eigenen Meinung zelebrieren. Jede*r, die*der dabei heimlich Neid empfinden sollte, empfehle ich ebenfalls ein Manifest (Titelvorschlag: Manifest egal wofür) zu schreiben.

 

 

011

Ich habe mir schon mehrmals gewünscht (und durchaus auch probiert), mein Mensch-sein aufgeben zu können und zu etwas anderem zu werden. Weil ich mich – ich probiere jetzt, das so wenig pathetisch wie möglich auszudrücken – schäme, ein Mensch zu sein. Angesichts der letzten paar hundert Jahre oder vielleicht auch tausend Jahre.

Ich schäme mich, einer Art anzugehören, die es geschafft hat, vor allem sich selbst zu erfinden – diese ungemeine Leistung des Menschheits-Kollektivs ist nicht zu unterschätzen. Wahrscheinlich merken wir es nicht, aber wir arbeiten schon seit längerer (wirklich längerer!) Zeit, alle am gleichen Ziel: Mensch zu sein. Wir waren nämlich nicht immer Menschen. Wir starteten mal als Tiere und zwar genauer als Homo Sapiens. Heute würde ich mich aber natürlich nicht mehr als Homo Sapiens definieren, sondern als Mensch. Voilà, das ist die Leistung von mehreren tausend Jahren Kulturgeschichte. Nun, was ist denn jetzt genau Mensch? Mensch ist dasjenige Tier, was sich als Menschen ausgibt. Ja, Mensch sein ist kein Zustand, es ist eine Behauptung. Eine Behauptung, die fortwährend beglaubigt werden muss. Die ich aufrecht (aufrecht im doppelten Sinne) erhalten muss und die andere als richtig anerkennen. Das ist das kulturelle System.

Was ist Posthumanismus?

 

Es macht durchaus Sinn, den Leuten vorher zu erklären, zu was genau man sie bekehren (passender: verwandeln) will, bevor man gleich mit Argumenten und Erklärungen um sich schleudert.

Posthumanism comes in all flavors. (Zitat von Haraway?)

Posthumanismus ist kein einheitliches Denken, keine klar ein- oder abgrenzbare Strömung und ist teilweise sogar widersprüchlich in seinen Zielen und Absichten. Aber ich denke, das entspricht eigentlich genau dem Thema. Etwas, was die menschliche Hierarchie, die Macht der Sprache und Begriffe, der Definitionen, Klassifizierungen, die Logik als System und Herrschaft hinterfragt, kann selbst natürlich[2] nicht einheitlich kategorisierbar und/oder logisch aufgebaut sein.

Posthumanismus hinterfragt Mensch-sein, hinterfragt die Werte von Mensch-sein, hinterfragt die Grenzen von Mensch-sein, hinterfragt die Hierarchien von Menschen und Nicht-Menschlichen.

Jede*r Humane denkt ihren*seinen eigenen Posthumanismus. Mensch sein… oder human sein… ist für jede*n ein anderes kulturelles Konstrukt, welches am eigenen Leib erfahren wird, und eine zu kreierende Identität[3].

Ja, ich spüre den Gähnreflex angesichts eines weiteren Post-Präfixes auch und weiss, wie leicht dieses Gähnen den Vorwurf der Mode-Erscheinung über die Lippen bringt: alles ist doch heute post. Sollten wir uns als Epoche wirklich dadurch charakterisieren, dass wir die Post-Geborenen, also die Nach-Geburten sind, welche sich in müden Kritisierungen der Vergangenheit vorwärtsschleppen in eine fantasielose Zukunft? Und dann klingt ja nur schon Humanismus alleine nach KantRousseauHumboldt und anderen weisen Alten…ich meinte natürlich weissen Alten. Doch hier sind wir schon im Thema gelandet. Hier geht es um einen WEISSEN Denkgeist, welcher zwar hochbetagt, doch hochpotent in unseren Köpfen, Rechtssystemen und Ethikräten spukt. Dieser Geist flüstert uns immer noch heimlich ein, wer oder was Mensch ist, und wie Menschen zu sein und auszusehen haben.

Es ist der Geist des Humanismus. Ja, wie nach althergebrachter Manifest-Manier geht auch in diesem Text zunächst einmal ein Geist herum. Seine Einflussnahme geschieht im Verborgenen und Unbewussten und das ist seine Gefährlichkeit. Viele bemerken seine Existenz gar nicht und nehmen seine Flüsterein als gegebenen Zustand. So ist die Welt nun einmal. Andere wissen um seine Existenz, unterschätzen aber seinen Einfluss in die heutige, hochmoderne, digitalisierte und globalisierte Welt. Dieser Geist – wie so viele andere weisse Sachen- ist so allgegenwärtig, dass er unsichtbar ist. Und wie ein richtiger Geist ist er überall, er durchdringt die Wände, die Schranken, er nistet sich in unserem Denken und unserer Sprache ein und er manifestiert sich in Objekten, er wird real in unseren Büchern, in der Architektur, die uns umgibt, in der Musik, die wir hören, in den Gegenständen, die wir tagtäglich verwenden. Er manifestiert sich in unseren Genen, unseren Körpern und er manifestiert sich sogar in den Genen unserer Heim- und Nutztiere und unserer Kulturpflanzen.

Diesen Geist gilt es aufzuspüren, sichtbar zu machen – und auszutreiben (tragische Geste mit dämonischem Lachen im Hintergrund). Nein, Scherz. Es geht hier nicht um Geisteraustreibungen, es geht auch nicht um das Zerstören von Traditionen oder Kulturen, sondern um das VERWANDELN. Sowieso lässt sich dieser Geist nicht mit einem exorzistischen Cocktail aus noch mehr Intellektualität und Wissensansprüchen austreiben. Sondern mit Knoblauch. Oder mit sonst etwas, was nicht mensch-gemacht ist. Diesen Geist aus unseren Köpfen herauszubekommen, kann man nicht durch Lesen alleine machen. Es sei denn, unser «Lesen» würde auch die Texte von Nicht-Menschlichen umfassen. Wenn wir ihre Zeichengeflechte, ihre Äusserungen, ihre Spuren, ihre Sprachabdrücke in unserer Gegenwart lesen (also «auf-lesen» und er-fassen) lernen, so kommt man dieser Verwandlung im eigenen Kopf wohl eher auf die Spur.

Was ist also dieser Geist genau für ein Körper?

Ein Geist, der die Vernunft über alles hält. Welche Vernunft? Die Vernunft vom Menschentier – und es wäre auch genau diese Vernunft, die den Menschen aus dem Tier löst und ihn aufs Podest der Schöpfung stellt.

 

Vielleicht ist es auch hilfreich, kurz aufzureissen, auf welche Weisen man Menschen im westlichen Denken definiert hat.

èAnteil der Arbeit an der Menschwerdung

èDer Mensch ist dasjenige Tier, das denkt/sich als Mensch begreift

èDer Mensch setzt sich dadurch vom Tierreich ab, dass er über andere Tiere herrscht

Der Mensch ist ein Tier der Herrschaft und der Ausbeutung. Zumindest scheint die Geschichte dies so zu erzählen – und ich meine hier die historische Geschichtsschreibung ebenso, wie die alltäglicheren Geschichten, die in unseren Mündern kreisen und ein Bild vom Menschen als demjenigen Wesen, das herrscht, malen[4].

Mit Herrschaft kommen die Nicht-Herrschenden beinahe automatisch als die Beherrschten ins Sichtfeld: Tiere, Natur, Umwelt, Material -und nicht zuletzt auch Menschen. Jene Menschen, die gewaltsam beherrscht wurden und weiterhin beherrscht werden. Und alle Menschen, die von einem Menschenbild beherrscht werden, nach welchem die besten Menschen arbeitsfähig, fleissig, erfolgreich und diszipliniert sind.

Der Mensch ist das  Subjekt und der Rest ist Objekt. Es gibt zwei Möglichkeiten: Ich versuche, nicht mehr Mensch zu sein (dies kann sehr selbstzerstörerisch enden) oder ich versuche, das Menschsein zu ände
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Für Menschen gelten besondere Rechte. Natürlich hat der Mensch andere Rechte als die Tiere, der Mensch hat die Rechte ja auch erfunden. Und mit Rechten kommt die Ausbeutung der Anderen, all denen, die keine Rechte haben. Damit hat der Mensch auch das Morden erfunden. Tiere morden nicht, sie töten. Sie töten andere Tierarten oder Artgenossen als Verteidigung, aus Hunger oder was auch immer. Vielleicht würden wir ihnen zugestehen, dass sie sogar aus Liebe töten können. Mord ist aber dem Menschen vorbehalten. Menschen dürfen übrigens auch töten, also wenn ein Mensch ein Tier umbringt, dann heisst dies töten und ist – unter Einhaltung des «Tierschutzes» - erlaubt, er hat also das Recht dazu. Oder wenn ein Mensch einen Artgenossen im Krieg umbringt, heisst dies auch töten und nicht morden, denn er tut es auch im Recht.

 

Dass es so viele unterschiedliche Meinungen darüber gibt, was den Menschen denn jetzt eigentlich zum Menschen macht, gibt vor allem eine wichtige Information: Mensch sein ist immer etwas, das kulturell verhandelt wird. Und somit gibt es nicht die eine Art, «Mensch zu sein». Sondern es kursieren verschiedenste Konzepte davon, was «Mensch-sein» ausmacht. Interessant ist: Mensch-sein ist anscheinend «verhandelbar». Es ist nichts naturgegebenes, sondern entsteht innerhalb von spezifischen kulturellen Konventionen und Denkweisen. Somit ist «Mensch-sein», oder genauer: die Konzepte von Mensch-sein»/ von humanisierung veränderbar. Und an diesem Punkt setzen posthumanistische Strömungen an. Sie thematisieren die Veränderbarkeit und schlagen vor, Konzepte von menschlicher Existenz zu entwerfen, welche nicht auf Ausbeutung und Unterwerfung basieren. Posthumanismus versucht, das Mensch-sein neu zu denken. Das «Mensch sein» überhaupt erst als «Mensch denken» zu entlarven- und nicht als gottgegebenen oder naturgegebenen Zustand (was in dieser Denkweise in der Konsequenz absolut zusammenfällt).

Ich verweise auf drei Autor*innen. Zum ersten möchte ich mich hier an Foucault und seine Arbeit zur «Subjektivierung» anlehnen, die diesem ganzen Denken überhaupt erst einen Boden und die Werkzeuge zur Analyse beschert hat.

Ich empfehle alle jenen, welche den Anteil der humanistischen Philosophie an unserem heutigen Menschenbild untersuchen wollen, Rosi Braidottis Posthumanismus. Sie schreibt mit viel Wissen und analytischer Strategie darüber und ich empfehle, ihren Spuren zu folgen, wer mehr darüber wissen will.

Ein Kapitel bleibt im Posthumanismus leider immer noch untervertreten und das die Kritik an seiner selbst, nämlich dem weissen Posthumanismus. Ich verweise deshalb auf eine Autorin, die dieses Kapitel prägnant in die posthumanen Diskussion einbringt: Kathrin Yussof. Ihre Kritik bezieht sich zwar vor allem auf den Begriff Anthropozän, respektive unseren humanisierenden, universalisierenden Umgang mit dem Wort Anthropos. Anthropos, der Mensch, wird, scheinheilig oder naiv, in einen Begriff verflochten, welcher die Machenschaften, die Ausbeitungen und Umgangsweisen der Menschheit mit dem Planeten kritisiert- und gerne wird dabei vergessen, dass die Verantwortung an diesem Problem vor allem (oder sogar ausschliesslich) bei dem weissen und westlichen Teil der Menschheit liegt. Eine Verantwortung der gesamten Menschheit (was der Begriff anthropos im Anthropozän suggeriert) gerade denjenigen zu unterstellen, die sogar doppelt von dieser ausbeuterischen Geisteshaltung betroffen sind und zwar 1. unmittelbaren und direkt an ihren nicht-weissen Körpern betroffen sind und 2. An ihren geologischen Umfeldern. Der Süden ist von den direkten Auswirkungen des Klimawandelns um einiges stärker betroffen als der Norden und durch die oben genannte ausbeuterische Geisteshaltung befinden sich ihre Nationen[5] durch historisch gewachsene oder radikal aufgezwungene Prozesse auch nicht in der finanziellen Lage, diese Auswirkungen auf das Land und seine Bewohner*innen abzufedern.

Diese Kritik am Begriff Anthropozän (und wie er verwendet wird) durch Yussof finde ich absolut gerechtfertigt und diese Kritik ist unbedingt auf den gesamten Posthumanismus auszuweiten. Ich komme deshalb nocheinmal auf den Begriff post-HUMANISMUS zurück. In den Posthumanistischen Strömungen werden andere Konzepte als die klassische westliche Subjektivierung entwickelt, es wird die Kategorie «Mensch» hinterfragt. Nun gibt es (mindestens, gerne ergänzen!) zwei Punkte, welche es unbedingt zu beachten gilt:

-          Lange wurden bestimmten Menschen und Menschengruppen die Zugehörigkeit zur Kategorie «Mensch» verweigert oder graduell abgesprochen. Sie befanden sich unfreiwillig in dem Bereich, der den Posthumanist*innen (mich eingenommen) so utopisch und vielversprechend erscheint: Der Bereich des Hybriden, Cyborgs, des Monsters, des Humanimal, des lebendigen Materials. Es kann deshalb geradezu fies und ironisch[6] diesen Menschen gegenüber sein, zu behaupten, wir seien alle Cyborgs oder wenn wir es noch nicht sind, so wäre unser aller unabdingbares Ziel, solche Figuren zu werden. Diese Menschen kämpfen immer noch um ihr Recht als Menschen angesehen zu werden und deshalb auch ihr Menschen-Recht einfordern müssen. Nur weil es jetzt den Posthumanismus gibt, heisst es nicht, dass wir nicht immer noch an der allgemeinen Durchsetzung der Menschenrechte arbeiten sollten. Und natürlich geht hier die Debatte noch viel weiter, wenn wir an Menschen-Affenrechte, Tierrechte und Naturrechte denken. 

 

-          Die «neuen» Formen von Subjektivierung sind nicht unbedingt so neu wie wir zu denken glauben. Nicht-westliche Denktraditionen praktizieren solche Konzepte seit ihrem Anbeginn der Zeiten und bekommen zu wenig Beachtung und Achtung. Es gilt natürlich auch: Vorsicht vor appropriation. Es ist nicht die Idee, diese nicht-westlichen Denktraditionen zu klauen, zu übernehmen und in einer (erneut) westlichen Bewegung zum Verschwinden zu bringen, sondern sich sorgfältig mit ihnen zu beschäftigen und ihre Namen (Selbstbezeichnungen natürlich) und ihre Herkunft immer zu nennen. Ich verweise hier noch kurz auf Isabelle Stengers und ihren Text «Den Animismus zurückgewinnen». Das Wort Animismus ist natürlich auch eine Fremdbezeichnung (anima lateinisch für Seele) und erzählt alleine als Begriff schon genug über die exotistische Erwartung, die «animistischen» Denktraditionen entgegengebracht wird.

 

 

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Wieso sollen wir posthuman sein?

 

In Zeiten des Klimawandels ist es doch eigentlich klar, wer sich hier eigentlich verwandeln müsste. Nein, nicht die Umwelt muss sich verwandeln. Nicht die Tiere müssen sich verwandeln, um mit den neuen Lebensbedingungen zurecht zu kommen. Es muss sich auch nicht zwingend die Technologie weiterverwandeln, um das «Umweltproblem» zu lösen. Denn sogar das selbstfahrende Auto, welches seinen Antrieb aus der restlosen und abgasfreien Verwertung von Industrieabfällen gewinnt, wird die Welt nicht im Alleingang retten. Und ja, natürlich ist es zwingend, dass sich der Kapitalismus verwandelt. Mir persönlich wäre es am liebsten, er würde sich in eine möglichst inexistente Form verwandeln, aber darüber lässt sich debattieren, ich bin offen für andere Vorschläge. Undebattierbar ist jedoch, dass der Kapitalismus einer der Hauptverdächtigen ist, wenn es darum geht, die grössten Schadensverursacher unserer Zeit ausfindig zu machen (und ich meine hier nicht nur ökologische Schäden, sondern auch soziale Schäden. Und überhaupt ist die Verstrickung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Fragen ist ja wohl wirklich kein Geheimnis mehr. Präziser wäre es ja auch zu sagen, dass es sich nicht um ganz allgemein «den Kapitalismus» handelt, sondern der Spät-Kapitalismus einer globalisierten Weltordnung, welche der modernen Marktwirtschaft oberste Priorität zugesteht. Ja, ich mache es extra spannend. Der Kapitalismus ist nämlich nicht der Tätige – sondern die Tatwaffe. Kapitalismus (behaupte ich jetzt mal so ganz kühn) würde es nicht geben, wenn der (westliche) Mensch sich (und seinen Profit) nicht als das Zentrum der Welt sehen würde. Das Grundproblem oder Überproblem oder Kernproblem (je nachdem welche psychologische Hierarchieordnung Sie präferieren), sind wir selber. Wir sind das Problem. Und um es gleich deutlich zu machen, mit «Wir» bezeichne ich mein westliches Kulturumfeld, meine weissen Mitmensch*en in privilegierten Positionen. Wir können so nicht weiter machen. Wir müssen ein anderes Konzept von menschlicher Existenz auf diesem Planeten finden, wir müssen unser Mensch sein anders definieren und anders denken. Wir müssen uns verwandeln.

Es kann nicht länger darum gehen, dass unser Verständnis von Mensch-sein darin besteht, sich von allen anderen abzusondern. Sich aus der Gaia, aus dem Chaos, aus dem Tod sogar, herausziehen zu wollen und ins Ufo des aufklärerischen Subjektes zu steigen, welches übrigens mit der Kraft der reinen Vernunft angetrieben wird, in der Hoffnung, diesem Erden-Matsch zu entkommen. Aber ach, auch dieser Treibstoff scheint nur begrenzt vorhanden zu sein und die Reichweite eines solchen Fluchtdenkens bleibt beschränkt. Wir bleiben auf dem Boden...stecken.

Es kann nicht länger darum gehen, dass dieser Mensch dasjenige Tier ist, das über andere herrscht. Es kann nicht länger darum gehen, dass nur der Mensch das Subjekt ist und alles andere zum Objekt erklärt und über «es» verfügt.

Es kann nicht länger darum gehen, dass dieser Mensch dasjenige Tier ist, das von Vernunft beherrscht wird – oder seine Vernunft eben zu beherrschen versucht.

Es kann nicht länger darum gehen, dass dieser Mensch seine Wertvorstellungen, seine Ordnungssysteme, sein Wissen als das Alleingültige und «Wahre» erklärt. Es kann nicht länger darum gehen, dass dieser Mensch die Geschichte alleine schreibt – oder zumindest sich als Alleiniger «Schreibender» wähnt. Es kann nicht länger darum gehen, dass nur die Perspektive von diesen Menschen erzählt wird.

Wir müssen endlich in ein respektvolles Miteinander mit den übrigen Agenten und Aktanten unserer Umwelt kommen!

Ich plädiere deshalb dafür…

1.       Das Mensch-Sein nicht so wichtig zu nehmen (wir sind nicht der Mittelpunkt der Erde, wir kratzen nur so auf ihrer Oberfläche herum)

2.       Das Mensch-Sein als ein Prozess von «Werden» (in starker Anlehnung an Deleuze/Guattari) zu begreifen, als ein «Werden», welches nicht linear, sondern planear, dreidimensional, rhizomatisch und komplex abläuft)

3.       Mensch-Sein als etwas sozial Konstruiertes zu begreifen (-> Foucault, Subjektivierung)

 und somit auch anderen (bisher als nicht-menschlich angesehenden) Akteureninnen den Zugang zu Mensch-sein zuzugestehen

 

Donna Haraway propagiert: «make kin, not love”. Ich paraphrasiere: schert euch nicht so sehr um die Reproduktion und den durchaus kritischen Fortbestand euerer eigenen Spezies, sondern begreift euer Dasein auf diesem Planeten als ein «transspeziezistisches» Gefüge. Wir (ein anderes Wir, sehr viel übergreifender gemeint, hoffentlich nicht übergriffig wirkend) leben in vielschichtigen Geflechten, Netzwerken, Symbiosen. Wir sind alle Bewohner*innen dieses Planeten und wir sind Viele und Unterschiedliche. Wir sind Organismen, Bakterien, Viren, Technologien, digitale Objekte und noch all das, von dem Wir nicht mal wissen, dass es existiert.

 

Und hier – genau hier! ist ALLERSPÄTESTENS der Punkt, wo die Künste sich angesprochen fühlen sollten. Denn Kunst (das ist jetzt meine eigene Definition) ist das Produkt oder Ereignis eines Zusammenspiels zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Komponenten. Der Ton, der die Skulptur wird oder der Raum, der die Choreographie mitbestimmt oder die Darmbakterien, die auf das Gemüt der Künstlerin wirken -sie sind Teil des Kunstwerkes.

Ich bin ein Feind davon, der Kunst bestimmte Aufgaben zuzuschieben. Kunst darf sein, was sie will. Sie hat nicht klimapolitischen Zielen zu dienen, sie hat weder dem Fortbestand der Menschheit auf diesem Planeten zuzudienen, noch hat sie deren soziale Probleme zu lösen, noch muss sie irgendwelche Veränderungen in den Köpfen der Menschen bewirken. Aber natürlich darf sie das alles tun und sie kann hier auch sehr wirkmächtig sein.

Tatsächlich scheisst mir ein Vogel gerade jetzt auf den linken Ringfinger, während ich diese Zeichen in die Tastatur tippe. Ich fasse dies als eine gekonnt «gesetzte» aktivistische Kunstintervention auf, die primär das Wesen adressiert, das diese Zeilen schreibt – auch wenn es nicht die alleinige Autorschaft beansprucht, so ist es doch ein menschliches Gedankenwerk, das hier als Motor der Sache benutzt wird und natürlich hat man auf dieses Wesen erst einmal zu scheissen, um seine durch und durch menschliche Perspektivensicht zu durchbrechen. Wie soll man auch sonst auf sich aufmerksam machen?

Und so kommen wir über Scheiss-Aktionen wieder zurück zur Kunst. Was ich mit diesem Manifest erreichen will, ist eine Reflexion innerhalb der Künste über ihre eigene Position und Perspektive,und zwar insbesondere im Theater. Denn auch in denKünsten sitzt der weisse Geist der Menschenherrschaft und reproduziert sich fleissig.  

Kunst kann man (und wurde bis anhin auch) als eine Art Königsdisziplin des «Menschlichen» erfasst. Kunst war sogar geradezu «mensch-machend» - sie wurde zur Produktion unserer Konzeption von Mensch-sein eingesetzt. Denn Kunst kann im ganz primären Sinne als Verfügen über Material und Objekte – in diesem engeren Sinne also als Kunsthandwerk – gesehen werden und steht somit ganz am Anfang der Geschichte der Objekte, welche von Menschen beherrscht wurden. Kunst kann also das Beherrschte und das Mittel zum Beherrschen zugleich sein. Wiedereinmal: Das KANN es sein – muss es aber nicht zwingend sein.

Wieso heisst dieser Text aber «Manifest für ein posthumanistisches Theater?» Ich werde später argumentieren, dass dem Theater eine (nicht ganz so ruhmreiche) Sonderrolle unter den Künsten zusteht, wenn es darum geht, wer am fleissigsten (und wahrscheinlich unbewusstesten) das westliche-weisse (oder einfach weiss-tliche) Bild von Mensch-sein sät, giesst, aufzieht und weiterversamen lässt.

Und daher richtet sich dieser Text in allererster Linie auch an meine Berufskolleg*innen. Doch wem dieser Text hilft, welchen Geistern auch immer nachzujagen, die*der soll sich hier zur freien Inspiration willkommen fühlen. 

 

Als Zusammenfasssung des 1. Kapitels möchte ich mich kurz an die Transhumanisten wenden. Auch um nochmals zu verdeutlichen, weshalb sich mein Posthumanismus ganz klar und eindeutig von jeglichen transhumanistischen Gedanken distanziert.

Liebe Transhumanisten

Die kognitive Erkenntnisleistung unserer Hirne ist eng verbunden mit der materiellen Einbettung in unsere dicken und fleischhaften Körper. Du denkst nicht, ohne eine Hirn zu haben (auf alle Fälle nicht auf menschliche Art) und Mensch, mensch, wirst du bleiben. Dieses Feld zwischen Tier und Übermensch (danke an Nietzsche für die Beackerung dieser Wildnis), indem der Mensch scheinbar zum verzweifeltem Verweilen verdammt ist, bis er es endlich schafft, sein Hirn in eine Datenwolke heraufzuladen, ist übrigens ein ganz tolles, fruchtbares und vielfältiges Feld. Und überhaupt – sollte diese Hirnauflösung in Datentransferprozesse sogar möglich sein, wird sie auch spassig sein? Wofür ewiges Leben, wenn man nicht essen, vögeln, schlummern oder spazieren kann? Wovon kann man denn noch träumen? Ihr werdet auf ewig in euren Hirnen gefangen sein, in der radikalen Mensch-Werdung bleiben, sprich stagnieren, ihr werdet keine neuen Dateninputs mehr bekommen! Denn ihr werdet keine Augen, keine Hände, keine Ohren, keine Nase und keine Zunge mehr haben. Sprich, ihr werdet nur über das nachdenken, was euch schon bekannt ist. So lässt sich nicht gut denken. Wenn wir aber zurück auf die Erde kehren, auf dieser fruchtbare kleine Feldchen zwischen Tier und Übermensch, werdet ihr euch mit allerlei komischen Hybridformen verlustieren können. Hier lässt sich Unendlichkeit entdecken – und vor allem geniessen. Das haben (gewisse, nicht alle) Posthumanisten nämlich begriffen. Der Mensch hatte durchaus auch schon vor der Umweltkrise das Bedürfnis, das inhärente Bedürfnis, ein Anderer zu werden und dies nämlich seit der Vertreibung aus dem Paradies. Ja, es scheint ja die Mensch gerade auszumachen, dass sie wer anders sein will, werden muss! Nur was? Wenn Mensch-sein nämlich darin besteht, sich ständig zu verändern, und du es schlussendlich endlich schaffen wirst, dein Mensch-sein verlassen zu können – zu dem Zeitpunkt wirst du ja dann nicht mehr Mensch sein. Du bist Mensch nur, solange du dich in metamorphisierenden Prozessen befindest. Und lass es mich nochmals sagen, diese Prozesse sind toll. Sich in diesem chaotischen Matsch fortwährend neu zu definieren, zu verwandeln, zu morphisieren- dies ist der wahre Spass, weshalb es sich am Ende vielleicht doch lohnt, (ein verwandelter) Mensch zu sein – und zu bleiben.

 

FÜR EIN POSTHUMANES THEATER

 

Wie lange steht der Mensch schon auf der Bühne? Oder präziser: Wie lange steht der Mensch schon auf der Bühne?

Es ist Zeit, dass er auch anderen Menschen, Wesen und nicht-menschlichen Akteuren Platz im Scheinwerferlicht und somit auch Platz in der Erzählung gibt.

 

Hat das Theater eine Sonderstellung unter den Künsten in Bezug zum Thema «Mensch?»/Posthumanismus?

Klar, vorweg, ich bin selbst Theaterschaffende und man neigt dazu, neu gefundene Krankheiten erstmal in einer Eigendiagnose zu erforschen. Mein Ausgangspunkt ist aber, dass das Theater eine Sonderposition unter den Künsten in der posthumanistischen Kritik haben sollte, weil im Theater (und Tanz) «der Mensch» das Mittel, das auftretende Material selbst ist. Kombiniert man dies mit der starken Gewichtung von Repräsentation durch die (räumliche) Theatersituation lässt mich dies zur These kommen, dass das Theater nicht bloss unterstützend, sondern konstitutiv ist für die westliche Konzeption einer (weissen, männlichem, heteronormativem) Norm- und Idealvorstellung von Mensch-sein, die wir sie seit dem Anbeginn des Humanismus verfolgen.

Andere Künste vermitteln sich über Bilder, über Farben, über Objekte und nonhumane Materialien (ja, auch Taxidermisches gehört hier leider dazu), über Video, über Fotografie, über Musik, über Text, über Gedanken und Denkweisen. Aber Tanz und Theater greifen (in den aller allermeisten Fällen) zum Menschen. Dabei wird nicht reflektiert, was dieses «Medium» Mensch denn nebst dem zu transportierenden Inhalt vermittelt. Andere Künste tun dies. Sie machen sich Gedanken, welche Rahmenbedingungen für Erleben und Erkenntnis ihre Medien schaffen. Wie sie beeinflussen. Und was sie – technisch bedingt -  aussparen…oder ermöglichen. Theater tut dies auch. Jedoch an der falschen Stelle. Theater denkt, dass sein Medium die «theatrale Situation» ist, die Gegenüberstellung von Agierenden und Zuschauenden, von Bühne und Zuschauerraum – die räumliche Situation. Und mit weiteren Medien ergänzt wird: Text, Szenographie, Choreographie, Licht… Mag ja auch stimmen. Das Theater vergisst aber sein wichtigstes Material, nämlich den Menschen. Es braucht sinnigerweise den Posthumanismus, um den Menschen als Material im Theater überhaupt erst erkennbar zu machen, indem es den menschlichen Körper in eine Reihe von weiteren agenziellen Materialien stellt. Und plötzlich fällt auf, dass es sehr wenige Theaterstücke gibt, die ganz ohne Menschen funktionieren – und ich meine hier auch Abbilder und Homunkuli des Menschen wie Puppen und anderes Anthropomorphisiertes. Eine Aufführung der Gruppe Trickster-p kommt mir in den Sinn. Und upstairs geology. Teilweise.

Das Theater ist ein Medium, in welchem Repräsentation sehr stark gewichtet ist. Normvorstellungen wurden auf der Theaterbühne deshalb besonders sorgsam ausgeführt. Wer stand (und steht immer noch) auf Theaterbühnen? Wer hatte Zutritt zu ihnen? In der vormodernen/vorhumanistischen Zeit waren es Gaukler*innen, Aussätzige, Vagabundierende, Umherziehende, welche mit Volksstücken von Ort zu Ort reisten. In dieser Zeit waren es also Menschen, die eher gerade nicht einem Normbild entsprachen, welche auf den Brettern dieser Welt standen. Das änderte sich mit der frühen Moderne und dem Einzug des Humanismus. Seit dieser Zeit stand fast ausschliesslich das humanistische Idealbild von Mensch auf der Bühne: Ein gesunder, weisser, heteronormativer Mann. Das Liebes-Drama spielte sich vor allem in einem heteronormatives Rollenverständnis ab. Ironischerweise wurde ab dieser Zeit Frauen der Zugang zu Theaterbühnen untersagt. Und das ach so heteronormative Rollenverständnis (natürlich denken wir an Romeo und Julia) wurde von zwei Männern gespielt. Die Frau war in dieser Zeit nur durch ihr Abweichen von der männlichen Norm auf Bühnen präsent. Ihr Körper war ein Zeichen, das Zeichen eines weiblichen Kleidungsstückes oder einer weiblichen Maske, welche über den männlichen Körper gelegt wurde. Die Frau war somit nur als Leere, als Abwesende präsent. Es ist also durchaus markant, dass das Theater in der vormodernen/vorhumanistischen Zeit einer Vielzahl von diveresen Mensch*innen Zugang zur Bühne gewährte, während sich dies markant wechselte, sobald der Humanismus und seine Normvorstellungen (der vitruvianische, männliche Mensch) sich in Europa einnisteten.

Aber wieso ist das Theater im westlichen Kulturkreis geradezu konstruierend für diese Konzeption von Mensch ist? Wie schon angetönt. Theater ist ein ästhetisches Medium, welches unweigerlich um Repräsentation geht. Allein schon wegen seiner Raumsituation, welche stark hierarchisch konstruiert ist und sehr klaren Regeln folgt: Ein/e oder mehrere Menschen sind der Mittelpunkt des Geschehens. Sie stehen im Scheinwerferlicht, in einem speziell separierten Teil des Raumes, welcher meistens erhöht ist. Die Blicke der restlichen anwesenden Menschen auf eine ausgewählte Schar. Die Aufmerksamkeit muss dieser ausgewählten Schar gehören. Das Publikum sollte still sein. Die ausgewählte Schar spricht. Und vor allem darf sich das Publikum nicht in den heiligen Bereich der Bühne bewegen. Natürlich gibt es seit dem epischen Theater und vor allem seit der Postmoderne und dem postdramatischen Thheater gewollte Durchbrüche dieser Regeln. Begleitend zu Strömungen, welche verkörperte Politiken im Alltagsgeschehen (Foucault, Gender Studies,…) wurde die Vormachtstellung des Bühnengeschehens vermehrt in Frage gestellt, die Ko-Präsenz des Publikums auch als Mit-Autorschaft einbezogen und eine erhöhte Inklusion von Menschen auf der Bühne gefordert, die nicht der klassischen Normvorstellung entsprachen. Das hat das Problem ein bisschen gekittet, jedoch nicht eigentlich gelöst. Verschiedenen Menschen Zutritt zur Konzeption Mensch/zum Anthropos zu gewähren, löst nicht das Problem des Anthropozentrismus. Mit der Inklusion von weiblichen, schwarzen, homosexuellen, polyamourösen, indigenen, mit Beeinträchtigungen und Behinderungen lebenden Körpern wird die Vormachtstellung des weissen Menschen kritisiert – und mit dieser Kritik geht meistens auch eine Verbündung mit nicht-menschlichen Akteur*innen einher. Die Kritik, die von dieser Inklusion ausgeht, betrifft aber nicht automatisch den Anthropozentrismus an sich (auch wenn sie dies oft auch tut). Es ist deshalb wichtig, diese Strömung als eine wichtige Verbündete wahrzunehmen – und ich verweise auch noch einmal darauf, dass es auch sehr gerechtfertigte Kritik am weissen Posthumanismus gibt. Allein mit der Inklusion dieser menschlichen Körper stehen immer noch nur Menschen auf Theaterbühnen. Scheinheilig wird dies dann, wenn mit der erstarkten Klimadebatte vermehrt Kritik am Anthropozentrismus auf Theaterbühnen praktiziert wird, ohne darüber nachzudenken, was das Theater selbst eigentlich zu diesem Anthropozentrismus beiträgt.

Ein Theater, das Anthropozentrismus kritisiert, denkt auch über seinen eigenen Anthropozentrismus nach.

 

Der Mensch im Theaterraum

Der Mensch geht ins Theater, in Tanzaufführungen oder Opern, um andere Menschen zu sehen. Die Aufführungsorte sind gross und hoch, mit Treppen und Rollstuhlrampen ausgerüstet, mit Belüftungsanlagen, Stühlen, Reihen, Gängen, Garderoben und Toiletten, welche allesamt massgeschneidert sind für das Tier Mensch. Alles ist genau auf die Körpergrösse von Menschen angepasst, auf ihre Bedürfnisse an Ordnung und ihr Ausmass an Geselligkeit. Aber Achtung: Hier ist das bereits normierte und dressierte Tier Mensch gemeint. Ein Tier, dass daran gewöhnt wurde, sich an geraden Linien zu orientieren, in rechtwinklig ausgerichteten Räumen zu denken und auf horizontalen, perfekt geebneten Böden zu laufen.

èNoch mehr ausarbeiten: Räume und wie durch ihre Strukturen «artgerechte» Haltung von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren verweigert wird.
Posthumanismus bringt einen dazu, den Menschen als Art und Arten anzuschauen, also zu fragen/fordern, wieso eigentlich nicht alle Regeln für alle gelten? und so in einer unerwarteten Rückkehrung die Tierrechte für Menschen zu fordern. Artgerechte Haltung für Menschen ist eine der verblüffenden Konsequenzen einer posthumanistischen Einstellung

 

Das Pferd im Theaterraum

Wie sehr einem bewusst wird, dass das Theater ein Ort für Menschen ist, geschieht dann, wenn ein nichtmenschliches Wesen auf die Bühne soll, zum Beispiel Pferde. Pferde machen einem diesen Umstand besonders bewusst, da sie besonders konträr zu diesen Räumen sind. Schon der Transport ins Theater ist für Pferde nicht besonders angenehm. Sie haben ein Bedürfnis nach weiter Aussicht und überschaubaren Räumen und werden als erstes gleich einmal in einen engen Anhänger mit sehr wenig Ausblick gezwängt. Im Theater angekommen versperren Treppen und enge Gänge dem Fluchttier Pferd seine dringend benötigten Fluchtwege. Und jede dunkle Ecke, von denen es im Theater viele gibt, muss ein Horror sein – könnte doch ein gefährliches Tier sich darin verstecken! Ebenso sehnt sich das Pferd ständig nach Artgenossen, eine ganze Herde in einem Theater zu unterbringen, ist allerdings selten möglich. Besonders spannend dürften die eintönigen Räume für Pferde, die sich abwechslungsreiche Natur gewohnt sind, auch nicht sein.

Wenn man Pferde in ein Theater holt, tut man dies also zum reinen Selbstzweck und zur Schaulust. Dennoch, Pferde sind ausgezeichnete Performer*innen und können die Seherfahrung bedeutend erweitern. Ich spreche mich hier nicht grundsätzlich gegen Tiere im Theater aus. Ich spreche mich dagegen aus, Tiere, wie zum Beispiel Pferde, in Räume zu holen, in denen sie sich absolut nicht wohl fühlen. Natürlich kenne ich das Argument, Pferde würden darauf sorgfältig trainiert, sehr gut. Aber ich hinterfrage diese kulturelle Erziehung von der Fähigkeit, sich in Räumen zu bewegen, die absolut nicht nach den Bedürfnissen der jeweiligen Gattung ausgerichtet sind, ja sogar beim Menschen. Aber klar, es gibt mehrere Unterschiede zwischen Menschen und nicht-menschlichen Tieren und einer ist in diesem Fall besonders bedeutend: Menschen können Zustimmung geben. (Consent). Der Mensch darf meistens selbst entscheiden, ob sie ins Theater gehen möchte – und bei den Einzelfällen, bei welchen die Menschen nicht selber entscheiden können, ob sie überhaupt ins Theater gehen wollen, zum Beispiel bei Schüleraufführungen, sieht man ja, wie «unangepasst» und «ungezogen» sie sich benehmen. Was für ein Theater könnte da ein Pferd veranstalten! Wären sie nicht so aussergewöhnlich gutmütige Wesen.

Ob das Pferd a) dieses unfreiwillige kulturelle Training überhaupt haben möchte und b) sich danach auch wirklich wohl fühlt, stimmt wahrscheinlich beides nicht. Nun gut, fragen können wir das Pferd nicht. Dennoch gibt es andere Wege, eine theatrale Begegnung zwischen Mensch und Pferd zu schaffen, die für beide Akteure angenehm(er) ist. Wollt ihr Pferde auf der Bühne? Dann verschiebt die Bühne nach draussen, nicht die Pferde nach drinnen. Lasst auch die Menschen auf unebenen Wegen laufen, in der Kälte frieren, in der Sonne schwitzen, frische Luft atmen und passt euch an eure Mitspieler an.

Ein Theater, das Anthropozentrismus kritisiert, denkt auch über seinen eigenen Anthropozentrismus nach.

 

Das Auto im Theater

Hier noch mehr schreiben! Über Gegenstände, über anthropomorphisiertes Puppenspiel und dergleichen!

 

Idee für posthumanes Theater:

Ein Blumenstrauch steht einem Ameisenberg gegenüber. Ich kann diese Situation als eine theatrale erkennen. Ich als Künstlerin, als Regisseurin ziehe also einen Theaterraum auf und erstelle eine Veranstaltung auf den sozialen Plattformen. Am 18. März 2020 um 20.00 wird an der Wiesenstrasse 56 das Stück «Ein Sommernachtstraum» von William Shakespeare aufgeführt. Es spielt der Ameisenberg. Im Zuschauerraum sitzt der §r Blumenstrauch.

Ich kann dies Theater nennen, denn wir können behaupten, dass der Blumenstrauch dem Ameisenberg zuschaut. Widerlegen können wir es nicht. Und so haben wir eine ganz klar aufgeteilte Bühnensituation – Bühne und Zuschauerraum, Aktor und Rezipient. Könnte man. Man könnte aber auch sagen, der Ameisenberg schaut dem Blumenstrauch zu. Kann man ja auch nicht widerlegen. Wahrscheinlicher ist aber, dass der Ameisenberg (und vor allem seine Ameisen!) in regem Austausch mit dem Blumenstrauch steht! Es handelt sich hier also um eine partizipative Form von Theater (oder durational performance, je nach Saison), bei welcher nicht klar ist, wo die Grenzen der Bühne und des Zuschauerraums genau verläuft, somit also eine momentan besonders angesagte Form von Performance! – ja wo sogar die Grenze des Theaterraums und der Aussenwelt klar verläuft, denn vielleicht bin ich, die ich mit meiner Sonnenbrille und meinem Sommerkleidchen danebenstehe und die ganze Szenerie fotographisch festhalte, ja ebenfalls teil des Geschehens und vielleicht ja auch der Rabe, der hinter mir im Baum sitzt und mich mit schrägem Kopf anschaut und so weiter und so fort. Und wir (also der Ameisenberg und der Blumenstrauch, ich und der Rabe und eine weitere unendliche Anzahl an unbekannten Mitspielerinnen) führen also dieses Perspektivwechsel-Rollenspiel «Ein Sommernachtstraum» auf.

Was heisst Posthumanismus für die Kerndefinition von (westlichem) Theater?

Was passiert also, wenn man den Posthumanismus auf das Theater loslässt? Wahrscheinlich würde der Posthumanismus den einfachsten, direktesten Weg nehmen und das Theater in einer seiner primären Definitionen angreifen. A spielt B und C schaut dabei zu. Diese Formel wurde bereits in der Vergangenheit angegriffen und würde heute wohl eher als A ist A und C schaut zu formuliert werden. Entscheidend ist jedoch, dass wir bis anhin davon ausgingen, diese Buchstaben seien Menschen. Was etwas absurd ist, es sind ja schliesslich Buchstaben. Aber natürlich ein Buchstabe ist sehr einfach als singuläre Entität differenzierbar (singulär zu sein ist seine primäre Eigenschaft) und eignet sich deshalb hervorragend als Zeichen für Menschen, welche Mensch-sein ebenfalls als eine Existenz in Form einer singulären Entität begreifen. In der posthumanistischen Neubesetzung der Rollen A, B und C könnte jetzt aber irgendein Organismus oder irgendeine Materie die Rollen der Buchstaben einnehmen. Es entsteht ein schönes Spiel mit verschiedenen Stück-Möglichkeiten, ein ganzer Saison-Spielplan von Stücken sogar: eine Pflanze spielt Hamlet und ein Stein schaut zu, oder eine Katze steht auf der Bühne und ein Mensch schaut zu, oder ein Stein spielt Sofa und ein Virus schaut zu, usw.

Etwas wie einen Organismus oder eine Materie in die Entität eines Buchstaben zu stecken und ihm eine andere, mehr oder weniger entitäre Rolle zuzuweisen, ist aber eigentlich ziemlich schwierig – bis unmöglich. Eine Pflanze verfügt nicht unbedingt über eine klar absteckbare Persönlichkeit. Sie kann mit einem ihrer «Sprösslinge» zusammenwachsen  und es ist nicht mehr klar unterscheidbar, ob sie nun eine oder zwei Pflanzen sind. Ein Stein wird niemals «genetisch geboren» sondern entsteht durch Abspaltung. Ist sein «Mutterstein» also nicht immer noch der gleiche Stein und es gibt also einen Stein an zwei unterschiedlichen Orten? Was bewirkt also dieser Widerstand von einheitlicher Subjektivierung im Theater? Dass Rollen nicht mehr von einer Person alleine eingenommen werden, vielleicht? Nun, das ist seit dem postmodernen Theater eine bereits gängige Praxis. Denn auch ohne den Posthumanismus hat man gemerkt, dass das Konstrukt einer einheitlich Person, welche als Mensch bezeichnet wird, im Theater irgendwann unspannend wird, denn sie reicht nicht an die psychologische Komplexität einer Person heran. Der Posthumanismus würde hier höchstens ergänzen, dass es sich nicht nur um psychologische, sondern auch um soziologische und biologische Komplexitäten handelt. Es ist ja nicht klar, wo ein menschlicher oder nicht-menschlicher Körper beginnt und aufhört. Heissen meine Darmbakterien auch Noemi? Oder heissen sie Hans und Erika? Wie identifzieren sie sich, wenn ausgeschieden werden und nun ausserhalb meines Körpers weiterleben? Die Rolle müsste also sowieso «Hamlet, seine Darmbakterien, seine Haare und sein Hormonspiegel» heissen. Oder «die Darmbakterien, ihre Haare, ihr Hormonspiegel und ihr Hamlet».

 

 

Für Ver-SUCHEN und ver-WANDELN

Posthumanes Theater Theater existiert nie wirklich. Es sind immer Versuche in eine Richtung. Denn sie entstehen in einem Paradox: jegliches Theater ist immer Mensch-gemacht. Und beinhaltet immer menschliche Perspektiven, menschliche Rahmenbedingungen, menschliche Grössenverhältnisse, menschliches Interesse. Und es wird gesehen, erfahren, konsumiert durch Menschen. Es wäre arrogant, zu behaupten, ein nonhumanes Theater wäre wirklich non-human. darin geistert ja auch irgendwie eine Annahme umher,alles mensch-gemachte wäre schlecht und wir müssten uns nur wieder der Natur zuwenden, dann würde sich alles lösen. Nein, hier geht es nicht um solche Ideen. Hier es geht um eine Integration von mehreren Perspektiven -meist ist es eher ein Aufeinanderprallen von Perspektiven, von den Perspektiven Anderer, ein Zusammenkommen, ein sich-auf-einander-einlassen, austauschen – und manchmal auch wieder auseinander gehen.

Über Jahrhunderte hinweg hat der Mensch probiert, sich aus seinem Körper zu entmaterialisieren- transhumanisieren. Sein Hirn in neue – andere Körper zu verpflanzen. Neue Wahrnehmungen zu generieren- körperlose sogar. Ein kleiner Teil dieser Fantasie schwingt hier mit. Ist es möglich, dass wir in die Haut (und ich meine das jetzt so körperlich wie nur irgendwie möglich) schlüpfen? Dass wir zu Käfern werden, zu Untoten, zu Schwänen, zu Minotauren, zu in Bäume verwandelte Nymphen…. Nun, wir können es uns nur vorstellen (aber sag niemals nie). Dennoch diese Vorstellungen alleine haben transformatorisches Potenzial. Denk-Ansätze haben realitäts-veränderndes Potenzial: Gedanken alleine verändern noch nicht die Welt. Aber wie wir sie wahrnehmen.

Könnte ich doch aus einmal in die Existenz eines Materials eintauchen. Wie ist es, ein Stein zu sein? Mehr noch, wie ist es, als und in Stein zu denken? Ich lag eines morgends wach im Bett – sehr früh! – und versuchte es mir vorzustellen. Wie wäre es, Holz zu sein? Als Baum zu wachsen, den Wind zu spüren, Wasser mit meinen Wurzeln aufzusaugen. Oder wie ist das Leben so als Plastik? Da fiel mir plötzlich meine eigene Dummheit und Ignoranz auf. Ich war doch schon lange Material. Konnte gar nicht anders sein. Nur weil ich mir dieses Material selbst nie gegenüberstellen kann – ich kann mir ja nicht ein Bein abschneiden und es mir auf einem Sockel in einem Ausstellungsraum gegenüberstellen. Nein, ich bin immer verbunden, verwoben in meinem Material und erkenne es deshalb gar nie richtig.

Wir müssen hier nicht naiv sein – aber träumerisch. Dass man etwas nie vollständig erreichen kann, heisst nicht, dass man es nicht versuchen soll. Und dass dabei vielleicht sogar die spannenderen, in ständiger Metamorphose entstehenden Arbeiten auftauchen, ist möglich. Es geht um Suchen und versuchen. Um den Zustand von Nicht-wissen, von Anders-wissen, von Infrage-Stellen, hinterfragen-also nach hinten fragen und nicht nur von vorne. Es geht ums Scheitern.

 

Gegen den Logozentrismus im Theater (und auch in der Kunst)

Der Mensch ist nicht mehr Herr im Oberstübchen hat uns unser lieber Freund Doktor Freud offenbart. Vielmehr ist unser Ich ein kleiner Knirps zwischen zwei grossen, ziemlich kräftigen und ungehobelten Typen. Klar, dem «Es», dem tierischen grossen Monster und aber auch das Über-Ich ist an seiner Kraft und seinem «bullyhaften» Getue dem kleinen Ich-lein gegenüber nicht zu unterschätzen. Das kleine Ich-lein ist nun damit beschäftigt, irgendwie in diesem Kollektiv der ungleichen Kräfte eine gemeinsame Stossrichtung zu finden, die Kräfte der beiden anderen produktiv und in eine Stossrichtung zu bündeln. Mensch könnte also sagen, es ist hier die Dramaturgin in diesem Gefüge. Meine These ist, dass Theater aktuell vor allem für das Über-Ich gemacht wird. Man «liest» Theaterstücke, sucht nach ihrer Interpretation, ihrem gesellschaftlichem Bezug, ihren Vorschlägen für Verhaltensweisen und Denkweisen.

Mit Freud könnte man vielleicht behaupten, dass das antike Dramenmodell durchaus probiert hat, Es und Über-Ich zusammenzubringen. Dass die Katharsis dafür bestimmt war, die Triebe des Es aufzufangen und sie in die Ebene des Über-Ichs zu transzendieren, sozusagen zu «veredeln». Das Bedürfnis, mit der eignen Mutter zu schlafen wird zu einer moralischen Fragestellung transzendiert: Ist es ok, die Bedürfnisse des Einzelnen über die Regeln der Gesellschaft zu stellen? Voilà, der Ödipus-Komplex, eine bis anhin höchst höchst höchst private, da tabuisierte Sache, wird plötzlich «gesellschafts-fähig».

Aktuell befinden wir uns aber in einer Phase, in welcher mit posthumanistischen Strömungen hinterfragt wird, ob es denn überhaupt so schlau ist, sich nur an das Über-Ich zu halten. Welches Über-Ich denn überhaupt propagiert und angestrebt wird? Ob die Ausrichtung an dieses Über-Ich nicht auch ausbeuterische, fatale Folgen für die Umwelt haben kann? Denken ist nicht unbedingt gut. Würde auch der Bandwurm sagen. Denn bekanntlich war der mal viel schlauer, hatte viel mehr Hirnkapazität – vielleicht ja sogar mehr als wir? Und merkte dann, dass das gar nicht so gut war und hat sich zurückevolviert zu einem dummen, aber wahrscheinlich glücklichen Parasiten.

 

POSTHUMANISTISCHES MANIFEST

 

1.       Menschen sind Tiere. Und als solche haben Menschen durchaus das Recht auf artgerechte Haltung. Das betrifft sowohl die Menschen, die in der Theaterproduktion tätig sind, als auch die Zuschauenden. Was heisst art-gerecht? Gerecht für die jeweilige Art, den «natürlichen» Verhältnissen entsprechend, an die Bedürfnisse der jeweiligen Tierart angepasst. Selbstverständlich können wir für nicht-menschliche Tiere nicht wirklich bestimmen, was für sie «natürlich» ist. Denn 1. Ist Natur eine Erfindung von Menschen und 2. Können wir die nicht-menschlichen Tiere nicht fragen, wie sie es denn gern hätten. Sich zu fragen, was wohl «natürlich» wäre für Menschen ist deshalb komplett absurd und ich verlange von niemanden, dass er*sie ihr Publikum auf Steinen sitzen lässt, nur weil wir uns so das Theater zu Fred Feuersteins Zeiten vorstellen. Wir können aber sehr wohl nach den Bedürfnissen von Menschen fragen, wissend, dass diese einerseits kulturell geprägt und konstruiert sind und sich andererseits individuell unterscheiden. Ein für Menschen artgerechtes Theater verschreibt sich deshalb höchster Inklusion, weil es auf die Bedürfnisse seiner Mitarbeitenden und Zuschauenden (und wir gehen ja davon aus, dass dies nicht nur eine gebildete, hochkulturell-trainierte Oberschicht) höchste Rücksicht nimmt.

 

Zuschauer*innen sind nicht nur Tiere, sondern auch Gäste[7]. Wir können davon ausgehen, dass die meisten ihren Consent dazu geben, in einem Theaterraum anwesend zu sein. Dennoch ist auf ihr Wohlbefinden zu achten. Die Zuschauer*innen sollten sich wann immer möglich frei bewegen können. Das stundenlange Einpferchen von Zuschauer*innen in sogenannte «Zuschauerräume» ist als temporäre Form der Massentierhaltung zwar sehr verbreitet, jedoch äusserst verwerflich und greift zudem die Würde des Tieres Mensch empfindlich an. Ebenso sollte Verpflegung in einem abgesonderten Teil bereit stehen, sowie jederzeit das Aufsuchen einer Toilette möglich sein. In der «Freilandhaltung» von Zuschauer*innen dürfen anatomiegemässe Sitz- und Ruhgelegenheiten jedoch nicht fehlen. Es ist immer äusserstes Merkmal darauf zu legen, den unterschiedlichsten Erscheinungsformen des Tieres Mensch entgegenzukommen und möglichst breite Zugänglichkeiten zu schaffen. Nicht alle Menschen können stehen oder sitzen oder laufen oder sehen oder hören oder riechen oder lesen oder sich besonders gut auf gehörte Texte konzentrieren oder Farben sehen oder sich selbst Verpflegung beschaffen oder mucksmäuschenstill sein (Liste gerne selbständig vervollständigen). Dies ist immer zu bedenken, sowohl bei der Architektur eines Theaterraumes, bei der Einrichtung des Zuschauerraumes und bei der Konzeption und Umsetzung von Theaterstücken.

 

Weiterführende Tipps zum korrekten Umgang mit sich selbst und anderen Menschen finden sie auf dem Merkblatt «Mensch – artgerechte Selbsthaltung».

 

2.       Der Mensch ist nicht der alleinige Mittelpunkt der Erde und somit ist er auch nicht der alleinige Mittelpunkt auf Theaterbühnen. Es gibt noch andere Aktanten und Akteurinnen. Wer also davon ausgeht, dass Theaterbühnen auch nur in entferntester Weise mit der Realität verbandelt sein könnten, sei es, dass sie die Realität abzubilden versuchen oder Alternativen zur bestehenden Realitäten zu entwerfen versuchen, sollte sich also zwangsläufig mit den anderen Bewohner*innen unserer Realität auseinandersetzen. (Für beinharte Realitätskonstruktivist*innen: Es ist hier nicht der richtige Ort, um in den ontologischen Grundsatzstreit zu gehen, ob eine Welt denn überhaupt ausserhalb unserer Wahrnehmung existiert. Wenn ihr davon ausgeht, dass alles, was ihr wahrnehmt, nur über euren Kopf konstruiert ist und deshalb schon mal rein alles, was euch begegnet, «mensch-gemacht», da «kopf-gemacht» ist, könnt ihr euch doch hinterfragen, welchen Stellenwert das Nicht-Menschliche in euren Kopfgeburten einnimmt, auf welche Weise und zu welchem Ziel es repräsentiert wird und welchen Hierarchien es unterliegt.

Wir brauchen mehr nicht-menschliche Akteur*innen auf Theaterbühnen, brauchen Zugänge zu ihren Perspektiven. (auch wenn dies eigentlich unmöglich ist, versuchen müssen wir es).

3.       Wir brauchen neue Konzepte von Subjektivierung. «Ich denke, also bin ich» ist out. Nicht nur Menschen können Subjekte sein und Menschen können auch noch ganz andere Subjekte sein. Sie können in Schwärmen agieren, sich in Materialien auflösen und neu zusammensetzen.

 

4.       Nicht-menschliche Tiere gehören nur unter ganz besonderen Umständen auf Theaterbühnen. Nicht-menschliche Tiere können keinen Consent geben, weshalb wir nicht mit ihrer Zustimmung zu einer Ausstellung auf Theaterbühnen rechnen können. Da Menschen Tiere sind, gehören sie zu jenen Tieren, welche unter besonderen Umständen auf Theaterbühnen auftreten. Dabei sind jedoch ihre Rechte und ihre Würde zu bewahren und ein ihnen artgerechter Umgang zu gewährleisten.

 

èMehr schreiben!!

 

 

 

 

 

002

Manifest für das Material

Heidegger(the question concerning technology): For Heidegger, the artist doesn’t create the silver chalice nor is the chalice formed matter. Instead, he proposes that the silversmith is co-responsible for and indebted to other co-collaborators for the emergence of the “thing” as a silver chalice. (…) heidgegger’s rethinking of createdness and his re-interpretation of casuality shifts our understanding from the “form-matter” thesis to a notion of care and indebtedness between co-responsible elements. In sum, art is co-collaboration. (Carnal Knowledge).

Am Anfang meiner Schaffensprozesse steht nicht die Idee. Nein, eine Sekunde vor der Idee steht immer eine Begegnung mit einem Gegenüber. Manchmal ist dies ein Text. Meistens ist es ein Material, dem ich auf der Strasse oder sonstwo begegne. Ich laufe daran vorbei in meinem beschäftigten Alltagstrott von Gedanken, doch das Material hat mich schon längst angelockt, sendet seine Botenstoffe aus, umgarnt mein Unterbewusstsein, ruft wie eine Sirene. Und ich bleibe etwas irritiert stehen. Drehe mich um, peinlich schauend, ob mich kein Mitmensch dabei ertappt, wie ich gleich etwas völlig unerwartetet und kindisches mitten auf einer belebten Hauptstrasse in einem hippen Quartier mache: ich gehe zurück und staune. Manchmal möchte ich wie ein Kind mit offenem Mund an den Baustellen Halt machen und schauen, wie die Erde unter der dünnen Schicht der Strasse wieder hervorquillt. Wie sie gebändigt werden muss mit Wällen, Schutzrohren, Presslufthämmern und Asphalt. Dabei ist sie immer da und überall. Ganz Zürich ist immer noch Erde-untenrum. Man sieht es nur nicht, aber das heisst nicht, dass das Material verschwunden ist. Doch nicht nur die Erde geht mich an. Auch die vielerlei Plastikabfälle ziehen mich in ihren Bann. Derartig, dass aus einer braven gehobenen Mittelschichtstochter zu Nacht eine Baumulden-Diebin wird, die die vermeintlichen Abfälle – Schätze viel eher - aus den Müllbergen zieht. Ich werde also von Materialien angesteckt, sie schieben mir einen Virus rüber, auf den ich intuitiv und sofort reagiere. Und mich auf ein Spiel zwischen Aktion und Reaktion einlasse, dessen Ausgang mir niemals klar ist. Das Material spricht mit. Das Material spricht nicht nur während der Herstellungsphase mit, sondern es spricht auch die ganze Zeit im fertigen Kunstwerk. Das Material wird gesehen, gehört, gerochen, gelesen. Es spricht zu unseren Körpern, über die sinnlichen Wahrnehmung gelangt es in unsere Köpfe hinein, fragt, drängt, holt Bilder hervor und dialogisiert mit unseren Gedanken.

 

GEGEN DEN EINSATZ VON MATERIALIEN ALS BLOSSEM EINSATZ VON BILLIGEN ÄSTHETIZISMUS ZU WERBEZWECKEN (no materials were harmed in this production….)

Ich möchte noch, in einer kleinen nervigen Anmerkung – es sollte eigentlich eine Fussnote sein, aber da die ja doch nur sehr….. sehr wenige lesen, hat sich die nervige kleine Anmerkung jetzt hier in den Haupttext, quasi also das Hauptprogramm geschlichen und stürmt nun die Bühne. Was ich NICHT meine, ist Materialien, Kostüme, Körperveränderungen und co einfach nur zu verwenden, um ihre ästhetische Wirkung auszuschlachten. Um ein geiles Foto (möglichst im cleanen Fotostudio vor weissem Hintergrund geshootet) fürs Programmheft und für die Website zu machen. Ja, ich sehe das eigentlich ziemlich oft in der Welt der coolen europäischen Theater-Performance, dass irgendeine materialhafte Begegnung inszeniert wird – also zum Beispiel pinker Schleim, der in Nahaufnahme über enthüllte- aber peinlichst entsexualisierte – Körper läuft in einem Teaser-Filmchen, welches für ein Performane-Projekt über körperliche Nähe und Beziehung im 21. Jahrhundert wirbt und dann die grosse (aber heimliche) Enttäuschung: der pinke Schleim kommt in der Aufführung selber gar nicht mehr vor, dieses süsse, verführerische Momentchen in einer ratlosen Probenflaute wurde wegdramaturgisiert und die finale Performance ergeht sich als durchgetaktete, mit an sektiererische Gemeinschaftspraktiken erinnernden Publikums-Interaktionen in einer konzeptionellen Höchstleistung über die Bühne. Der pinke Schleim durfte dabei nur aufgrund seiner «catchyness» die Sinnlichkeit in einem kurzlebigen Werbemoment an»touchen» und verkommt im Nachhinein zu einer in seiner Abstraktion einer der Plattitüde verdächtigen Zeichenhaftigkeit: pinker Schleim ist irgendwie einfach voll geil weil so körper und irgendwie ecklig aber genau deswegen ja eben geil.

So stelle ich mir ein Materialtheater also nicht vor.

 

Wie sieht eine posthumane Künstleridentität aus?

Ich hatte eine Phase, in welcher ich als Künstlerin Mühe hatte, Material überhaupt zu formen. Wie kann ich als Anti-Anthropozentrikerin weiterhin ein Künstlermensch sein, die ihre Ideen in ihrem Verstand ausgären lässt und sie dann einem Material aufzwingt? Ich entwerfe mich ja selbst als Künstlerinnensubjekt, indem ich einer zuvor eigenwilligen, aktiven Masse den Objektstatus aufzwinge. Ich missbrauche das Material, indem ich es zu Kunstobjekten verforme, mittels denen ich wiederum meine Künstleridentität (und somit auch einen grossen Teil meiner Subjektivität) selbst erschaffe.

(ich gehe davon aus, dass Material immer lebendig ist, das sich im Spiel mit Kräften wie Erosion oder Schwerkraft verformt, verändert, bewegt oder auf einer Atomebene vibriert).

Wie kann ich als Künstlerin die Dialektik von Subjekt und Objekt durchbrechen?

 

Wer bin ich, zu bestimmen, was dieses SEIN/Material für eine Form anzunehmen hatte? War es doch sowieso nur ein zeitlich vorübergehender Aufzwang einer Künstlerinnen-Fantasie. Aber man könnte es auch anders sehen. Nun, man kann es auch anders sehen. Wie oben beschrieben, ist es ja in Wahrheit viel eher das Material, das mich «angeht», mich anschaut, mich anruft und ich leiste ihm Folge. Aber dies ist ein anthropomorphisierendes Denken. Dem Material Eigenschaften zuzugestehen, die eher zu einem Projektmanager gehören. Ich will mich hier nicht als eine Sklavin des Materials positionieren, die quasi einem Medium einem Auftrag eines Materialgeistes Folge leistet und eine weltliche Übersetzung eines Ausdruckswillens schafft. Nein, ich denke, ein dritter Weg ist möglich und möchte hier vielmehr eine äusserst aktiv wechselseitige Zusammenarbeit beschreiben. Materialien fragen. Sie fragen mich und ich frage sie. Wir arbeiten zusammen in wechselnder Beeinflussung. Beschäftigt man sich mit der Herkunft der Materialien, ihrer Geschichte, ihren Produktionsverfahren, kommen oft sogar sehr unangenehme Perspektiven ins Spiel. Und das Material kann plötzlich gefährlich werden. Ist es ok, mit diesem Material überhaupt zu arbeiten? Wo und unter welchen Bedingungen wurde das Material hergestellt? Wer hat dabei profitiert? Und was wurde dabei riskiert oder verloren? Was ist die alltägliche Funktion? Wie und in welchen Situationen tritt mir das Material entgegen? Welche Verwertungsketten des Kapitalismus unterstütze ich, wenn ich dieses Material für Kunstzwecke anschaffe? Welche Assoziationen löse ich damit aus? Welche Situationen reproduziere ich nur schon dadurch, in dem ich ein bestimmtes Material verwende?

 

 

MANIFEST FÜR MONSTER

 

REGELN DER MONSTERWERDUNG

Habe keinen Job. Auch wenn die Monster AG (Trademark) dir etwas anderes über Monster erzählen will, es stimmt nicht. Monster haben keinen Job. Sie entziehen sich dem utilitaristischen Kapitalismus unserer Zeit und würden ihn auch niemals reproduzieren, um zum Beispiel so etwas herrlich-nutzloses wie ihre Fähigkeit, Alpträume zu erzeugen, in Kapitalpotenzial zu verwandeln wie in eben besagter Hollywood-Grossproduktion.

Kümmere dich um nichts. Jegliche Werte müssen dir egal sein. Ein Monster hat kein Ziel und keine Agenda. Ein Monster ist kein wertvolles Mitglied der Gesellschaft und will auch nicht die Weltherrschaft. So was wollen nur Menschen. 

Sei nutzlos.

Sei widersprüchlich.

Sei willkürlich.

Sei faul (ausser du bist ein Arbeitsmonster).

Ein Monster braucht immer ein Gegenüber. Es existiert nicht ohne jemanden, den es als Monster benennt.

Ein Monster hat immer seine Zeit, in der es ein Monster ist. Ausserhalb dieser Zeit existiert es als Wesen.

Sei ein uneinheitlicher Körper. Bestehe aus verschiedenen Materialien. Werde von deinem Körpermaterial beherrscht. Die Existenz deines Subjektes reiht sich deiner körperlichen Existenz (und ihren Bedürfnissen) völlig unter.

 

Die meisten Monster stehen in enger Verbindung mit einem Ort, an welchem sie sich meistens aufhalten. Oft bewachen sie dort ihre Schätze. Diese Orte können Höhlen, Kluften, verwunschene Schlösser, unterirdische Kellersysteme und dergleichen sein. Auch eine Hütte im Wald oder sogar ein verrostetes Auto im Nichts sein. Manchmal halten Monster sich gar nicht so weit von der menschlichen Zivilisation auf. Natürlich, der Ort unter einem Bett oder auf einem Dachboden ist für viele Monster ein passender Aufenthaltsort. Aber auch ein in einem Bürokomplex in den hintersten und dunkelsten Gängen versteckter Serverraum oder die oberste Spitze eines Kirchenturmes.

Solltest du dich also unversehens in ein Monster verwandelt haben – sei dies unter Fremdeinwirkung oder unter Selbstbeschwörung – so sei es dir angeraten, dir einen solchen Ort zu suchen, solltest du ihn nicht bereits gefunden haben. Du solltest unbedingt eine besondere Beziehung zu diesem Ort haben. Du bist bei der Wahl an keine Regeln gebunden, es kann jedoch auf keine Fälle irgendein beliebiger Ort sein. Er muss dir etwas bedeuten. Du solltest dich hier sehr wohl fühlen und am besten so ungestört wie möglich. Der Verlust eines Ortes ist für ein Monster in den meisten Fällen ein traumatisches Erlebnis, oft sogar mit dem Ende ihrer Existenz als Monster verbunden. In vielen Fällen befinden sich die Orte genau dort, wo die ursprüngliche  «Monster-Werdung» stattfand und deshalb auch ein tiefes, psychologisches Band zwischen Ort und Monster besteht. Manchmal waren die Orte – oder ein für den Ort charakteristisches Merkmal – sogar dafür verantwortlich, dass die Verwandlung überhaupt erst ausgelöst wurde. So kann zum Beispiel die Dunkelheit einer Kellerecke eine solche Anziehungskraft auf ein Wesen ausüben, dass es fortan beschliesst, der Zivilisation des Lichtes den Rücken zuzukehren und fortan ein Wesen der Dunkelheit zu werden. Gerade die oben erwähnten Serverräume, die nur scheinbar von Ordnung, System und Logik beherrscht werden, in Wirklichkeit aber wahre Aborte des Chaos, der Verwirrung, der endlosen Datenschlaufen und Zwischenvirtualitäten sind, üben deshalb eine besonders «anarchistische» Wirkung auf jene auf, die es wagen, diese Orte aufzusuchen. Und jene Menschen werden oftmals von dieser Energie in Bann gezogen. Oftmals behalten diese Monster ihre Identitäten als IT-Technikerinnen bei, als Alter Ego oder Alias, um nicht in ihrer neuen, wahren Existenz erkannt zu werden. Sie tun dies, um die Wartung und Verwaltung des versteckten Chaos in den Bürokomplexen noch weiter auszubauen. Sie sehen es dabei als eine Kunstform an, das System der Ordnung und Logik wie eine leere Hülle aufrecht stehen zu lassen und so erkennen nur wenige Spezialisten auf diesem Gebiet die äusserst kunstvoll eingerichteten Verzweigungen, welche sich hinter dieser Fassade aus geordneten Kabelkanälen und Kommunikationssystemen eröffnet und erkennt, wie sehr das blanke Chaos, die tolle Wildheit, der Un-Sinn die Geschehnisse dieses Bürokomplexes (und eigentlich auch die ganze Welt ausserhalb) lenken.

 

VORSCHLAG EINER MONSTRÖSEN KÜNSTLER*INNEN-IDENTITÄT

 

Muss ich meine Küntsleridentität als Noemi Egloff aufgeben und Mormi werden. Oder für Mormi arbeiten? Ist Mormi ein versuch einer Neu-Subjektivierung meiner Künstlerinnenidentität?

 

 

Gibt es Gegenstände, die Fragen stellen? (nun, es gibt sicher solche, die Aufforderungen in den Raum stellen – manchmal geradezu schreien…!)

 

I am not a consistent one in my artistic expressions. I wander around in my shabby scratchbook of a repertoire of media (that is text, costume, performance, installation, object and audio – quite everything except painting, music, photography and film). But I am consistent in my twisted thoughts, in a way that they always are somewhat off. I am consistent in my search for morphosis and continuing processual becoming , I seek a position that let’s you see the world upside down – or just very very close or very very far away. a position that even let’s me see my own organs from inside.

I choose the expressions of my projects liberately and instinctively – there is no system behind. They just seem to offer themselves with their different qualities and I take the one that is flirting in the most convincing way.

I am not a conceptual one and in times like these, it seems that this is an almost monstruous uttering. For I actively seek the moments that even surprise myself, moments of loss of power in my own art work. moments of complete failure. Moments where the brain goes off without me and I alone remain in a lost spot while the brain, the body, the knowledge and the project material have a party of their own. Similarly my mode of working is the mode of layering – like a painter gently applies layers of oil over layers of oil seeking to shadow and enlighten the depths of their interplay I follow echoes.  

Why do I seek what others might call incompetence? Because humans have had enough power. It’s time to let go of it – or at least loosen the grip around the sceptre that bears the powers of logocentrism, utilitarism and anthropocentrism. And I am far from willing to reproduce in my doings the gloomy effects that sprawl and sprout from that paradigmatic trinity. This all is not about us. It’s the story of the planet gaia that will – as all things do – end once. It’s her story.

 

MERKBLATT MENSCH – Richtlinien für eine artgerechte (Selbst)Haltung

1.       Wer sich als Mensch begreift, übernimmt auch die Verantwortungen, die mit dieser Erkenntnis einhergehen. Dies beinhaltet auch die Verantwortung für eine artgerechte Haltung seiner selbst.

2.       HALTUNG
Verschaffe dir den Auslauf und die sportliche Betätigung, die dein Körper benötigt. Halte dich so weit wie möglich in Räumen mit für dich optimalen klimatischen Bedingungen auf. Achte auf weichen Untergrund, renne nicht auf Teer, sondern auf Rasen und achte auf angemessenes Schuhwerk. Ernähre dich gesund und sei grosszügig mit Leckerlis und Belohnungen.

3.       ARBEIT
Überarbeite dich niemals und verlange dies auch niemals von anderen. Dies kann schnell zu vorzeitigen Abnutzungserscheinungen und (Selbst)-Ausbeutung führen. Denken Sie unbedingt daran: Der Mensch wurde nicht für die Arbeit erschaffen[8].

4.       ARTGENOSSEN
Verschaffe dir die nötigen Kontakte zu Artgenossen und Fremdgenossen. Achte dabei unbedingt auf deine persönlichen Bedürfnisse. Nicht jeder Mensch ist ein soziales Tier und zieht vielleicht die Freundschaft zu einer Fledermaus dem Umgang mit anderen Menschen vor.

5.       LIEBE UND FORTPFLANZUNG

Natürlich ist es ein Mythos, dass Menschen «von Natur aus» monogame, cis-sexuelle und heterosexuelle Wesen sind. Auch hier gilt: Suche eine Form des Zusammenlebens, in welcher deine Bedürfnisse und die deines/r Partner*innen in höchstmöglichem Einklang stehen. Nötige auch niemals Andere in Situationen, die nicht ihren Bedürfnissen entsprechen.

6.       GEISTIGE HERAUSFORDERUNG
Die meisten Menschen schätzen geistige Herausforderung sehr. Diese kann intervallhaft oder konstant im Leben eines Menschen gestaltet werden. Viele Menschen verfügen über einen ausgesprochenen Spieltrieb, dem unbedingt der nötige Raum gewährt werden muss. Auch digitales Gaming ist deshalb nicht etwas, was unterdrückt, zensiert oder verboten gehört. Geistige Herausforderung kann durchaus auch im Zusammenhang mit sportlicher Betätigung stehen oder in der Arbeitswelt gefunden werden. (Mit warnendem Vermerk auf Punkt 3). Insgesamt bietet sich der Genuss von und die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur jeglicher Art an, vor allem, wenn sie dies auf eine post-humane Weise tut.

 

 

 

Was ist eine posthumanistische Praxis? / posthuman strategies Was könnte sie kennzeichnen?

-          Involvieren von nicht-menschlichen Akteur*innen und Aktanten (ich sitze momentan neben einer Pflanze, wir berühren uns, ich probiere, sie so wenig wie möglich zu bewegen, um sie nicht zu stören, um sie nicht kaputt zu machen – aber vielleicht mag sie ja diese Berührung? Wie ist es für Pflanzen, ein Tier zu berühren? Was heisst diese Sensation für sie? Zerstörung oder mögliche Weiterverbreitung der eigenen Samen? )

Wie beeinflusst die Pflanze meine Arbeit? Wie beeinflusst Milo meine Arbeit/unsere Arbeit? Wie beeinflusst ein Material meine Arbeit? Wie beeinflusst mein Körper meine Arbeit?
Sich auch beeinflussen lassen. Be-EIN-FLUSS-en.

Dass man an allen Ecken und Enden weiterwachsen kann, überall neue Blätter entwickeln kann, sich nach dem Licht zu richten, Sonnenlicht verwerten, expandieren. Expand in non-linear evolution. There’s no master plan, no steps that need to be taken before others, no task list. There’s just growth.

-> Wie schreibe ich ein posthumanistisches Manifest? In circular ways. There’s no standardized logic behind it. It just grows in different directions. It does not have a clear line of evolvement.

Die Pflanze hilft mir, mich von meinen Vorstellungen von Logik, Fleiss, guter Arbeit zu lösen.

Wurzeln schlagen. Nicht die Mobilität zählt, sondern das Inbeschlag-nehmen eines spezifischen Ortes, tiefer zu graben, um höher zu kommen.
Ich sitze neben einer Pflanze und sie liefert mir alle diese Informationen.

- immer den direktesten Weg zum Sonnenlicht oder zum Essen nehmen. Don’t waste your time with unnecessary tasks. Sleeping is the best way to save your energies.
- to not use verbal language
- to not manipulate but wait.

- to use different modes of thinking. What is non human thinking? And what is non humanistic thinking? A thinking outside of a subject position?

 

 

Über Hände

 

Wie oben bereits geschrieben, kommen Händen bei Manifesten eine besondere Bedeutung zu. Hände haben aber überhaupt eine wichtige Bedeutung, wenn es darauf ankommt, den Menschen von den anderen Tieren zu unterscheiden. Hände – das haben (fast) nur Menschen. Bei Menschenaffen spricht man von ebenfalls von Händen, aber der Rest hat Pfoten oder Hufe. Hände haben sich wegen einer ganz spezifischen Funktion entwickelt und zwar können sie greifen. Während nichtmenschliche Affen die Greif-Fähigkeit ihrer Hände vor allem fürs Klettern einsetzen, benutzen Menschen ihre Hände eher, um mit Objekten zu operieren, wobei natürlich beiderseits viele Ausnahmen zu finden sind. Die westliche Denktradition, die Welt in Subjekte und Objekte zu teilen, geht vielleicht aus einem nicht geringen Teil aus der Tatsache hervor, dass wir «Greifer» sind, welche besonders gut mit ihren Körpern auf um sie liegende Gegenstände, Akteur*innen einwirken können. Das Wort be-Greifen könnte uns dabei helfen, zu untersuchen, inwieweit diese physische Fähigkeit überhaupt zu einem Denken über Objekte inspiriert hat.

Das Denken in Subjekten und Objekten -überhaupt das ganze abstrakte Denken, könnte man als ein «metaphysisches» oder einfach gedankliches Verfügen über die Welt, indem man es begreift, verstehen.  Jegliche Interpretation von Welt, der Zuteilung in ein Ordnungssystem, der Zuteilung (oder Unterordnung) zu einem Zweck, wurde deshalb schon oft als Geste der Machtausübung kritisiert. Wieviel Macht üben wir also über unsere Umwelt aus, indem wir sie be-greifen?

Hände haben in der Menschenwelt keine einfache Position. Sie werden als nötig vorausgesetzt (was nicht sein muss) und werden trotzdem selten beachtet. Rufen Sie sich die Gesichtszüge oder die körperlichen Proportionen Ihrer Bekannten in Erinnerung. Und versuchen Sie dies jetzt mit ihren Händen. Dabei irritiert uns jede noch so kleine Veränderung, jeder kleine Schnitt an der Fingerkuppe über alle Massen und tagelang.  Es ist mir sehr bewusst, dass es Menschen ohne Hände gibt und dass diese erstaunliche Wege finden, in unserer handorientierten Lebenswelt zurecht zu kommen. Auch Menschen ohne Hände können über Dinge verfügen. Sie können heben, greifen, schreiben, streicheln, Instrumente spielen, Maschinen bedienen,… und natürlich können sie auch Dinge begreifen und abstrakt über sie verfügen. Die Anwesenheit von Händen ist kein Merkmal von menschlicher Existenz. Hände sind aber entscheidend für die Entwicklung von menschlichen Kulturen. Dass wir wie selbstverständlich davon ausgehen, dass Menschen Hände haben, zeigt viel eher die Wichtigkeit, welche Händen in der Menschenwelt zugewiesen wird.  Über die Erfahrungen von Menschen ohne Hände können wir viel über unsere Hand-orientierte Kultur lernen und uns hinterfragen, wieso Hände denn überhaupt so wichtig zu sein scheinen. 

 

Auch körperliche Fähigkeiten und ihre Verbindungen zu unserem Denkapparat haben in der westlichen Denktradition eine schwierige Position. Man geht nach wie vor davon aus, dass das Hirn die Kontrolle über den Körper ausübt -und es deshalb unmöglich sein kann, dass eine körperliche Fähigkeit, wie der Besitz von Händen, ein abstraktes Denken überhaupt erst möglich gemacht hat. Und auch wenn wir, gestützt auf heutige wissenschaftliche Erkenntnisse, das Verhältnis von Hirn und Körper stark relativieren müssen – das Hirn könnte man auch einfach als eine ausgelagerte koordinierende Schaltzentrale ansehen, der keine besondere Aufmerksamkeit zukommt, da die Ausführung ganz bei den Operatoren liegt – so bleibt dies eine gewagte These. Dass diese These jedoch als «gewagt» aufgefasst wird, zeigt uns aber auf alle Fälle viel mehr über unsere wissenschaftlichen Denk-Normen auf. Uns es bleibt zu untersuchen, welche Autorschaften unser Körper und seine Fähigkeiten, an unserem Denkapparat haben.

èWelchen Anteil haben die Hände an der Schrift? Wie sähe eine menschliche Kultur ohne Hände aus?

Aber kommen wir noch einmal zu den Händen. Sie können vor allem zwei Sachen: Greifen und Tasten. Kombiniert man diese zwei Fähigkeiten miteinander, kommen wir zu einer wunderbaren Tätigkeit, welche Menschen ausüben können: streicheln und massieren. In menschlichen Kulturen hat Sex einen wichtigen Stellenwert. Er wird vergleichsweise wenig zur reinen Fortpflanzung betrieben, sondern gehört eindeutig in den Bereich von persönlichem, zwei (oder mehr-)samen Vergnügen. Auch hier können wir nochmals fragen, inwieweit die Existenz von Händen unsere Praktiken von Sexualleben beeinflusst haben.

Andere Tiere massieren sich zwar durchaus auch gegenseitig, jedoch tun sie dies mehr mit der Nase (zB Pferde) oder der Zunge (Katzen). Nutz- und Heimtiere tun viel für den Menschen -ob sie wollen oder nicht. Sie bekommen dafür Unterhalt, Nahrung, vielleicht sogar medizinische Versorgung. Doch eigentlich ist dies ein karger Lohn für ihre Arbeit. Die Zuwendung, die wir ihnen über Streicheln und Massage geben können, sollte daher mehr beachtet werden. Es ist eine altruistische Form von Wertschätzung des Anderen, von Empathie und Einfühl-samkeit. Im Moment des Streichelns interagieren wir mit unseren Händen mit einem Gegenüber, ohne über dieses zu verfügen.

 

 

 



[1] Auch wenn sich der Kater Milo juristisch gesehen in meinem Besitz befindet (und jegliche Verletzungen, die Kater Milo durch Dritte zugefügt werden, als Sachbeschädigung (!!) an meinem Besitz geahndet würden) verwehre ich mich, Kater Milo als mein Besitztum anzusehen. Ich darf auch nicht leugnen, dass ich eindeutig eine Rolle von Vormundschaft übernehme und den Kater einmal im Jahr zwinge, ein paar Impfungen über sich ergehen zu lassen. Doch herrlicherweise ist es so, dass Katzen (es sollte zumindest unbedingt so sein!) über absolute Bewegungsfreiheit verfügen. Kater Milo hält nichts in meiner Wohnung festgebunden, ausser der konstanten Vergabe von Futter und Liebe. Und so leite ich daraus ab, dass er mehr oder weniger freiwillig in meiner Gesellschaft lebt. Meiner Meinung nach sind der Kater und ich eine WG, stecken in einer familiären Beziehung und arbeiten gemeinsam. Es ist daher nur fair, ihm seinen Anteil an dieser Arbeit zuzugestehen und ihm darüberhinaus der Unterstützung zu danken, die er mir seinerseits durch viel Liebe zukommen lässt. Würde man ihn fragen, bin ich wahrscheinlich eher eine Bedienstete, nach deren Wohlbefinden er sich natürlich (im Rahmen seiner Möglichkeiten) sorgt, da ihm gute Anstellungsverhältnisse wichtig sind.

[2] ; )

[3] Meine Unterscheidung von «Mensch-sein» in eine Ebene von kulturell vorgenormter Konstruktion und  eine Ebene von «autopoietischer» Identitätskreierung gibt einen kleinen Vorgeschmack auf die Bedeutung des Begriffes «Subjektivierung». Dieses Konzept wurde von Foucault ins Leben gerufen, er konzipiert den Begriff in unterschiedlichen gesellschaftlichen Spannungsfeldern von Wissen, Macht, System, in welchen das einzelne Objekt teils autonom, teils als den eigenen und gesellschaftlichen Subjekt-Normen»Unterworfenes» (lateinisch subiectus, unterworfenes) auftritt. Subjektivierung ist also ein Prozess zwischen der (mehr oder weniger erzwungen oder unbewusst unfreiwilligen) Weiterführung von gesellschaftlich genormten Prozessen und deren Ablösung in subversiven, autonomen Akten von «Anders-Subjektivierung». Wichtig ist: Wer sich wie subjektiviert, subjektivieren darf oder subjektiviert wird, ist ein Politikum.

[4]

[5]  Die vielleicht nicht einmal Nationen sein möchten oder in eine (verdächtig geradlinige) Form gepresst wurden, die überhaupt nicht ihren geosozialen und geologischen Lebenswelten entsprach.

 

[6] Auf eine für die ironisierte Person nicht angenehme Art

[7] Eine Existenz als Tier und als Gast schliesst sich natürlich überhaupt nicht aus. Es wäre sogar sehr schön, wenn die (westliche) Menschheit, wenn sie schon den Grossteil der Erde als ihr Territorium beansprucht, die anderen Tieren wenigstens als Gäste der allerfeinsten Art behandeln würde. Als Gäste mit einem dauerhaften Wohnrecht, die nicht nur geduldet, sondern deren Wohlbefinden sogar allerhöchste Priorität beigemessen wird. Aber es ist wohl etwas symptomatisch, dass die Gastkultur in den westlichen Ländern nicht eben stark ausgeprägt ist. Die/Der/Das Andere nicht bloss als Fremden, als Andersartiger, als Monster zu sehen, sondern diese Figur als ehrwürdigen Gast im eigenen Heim willkommen zu heissen, würde die Hierarchisierung des eigenen Subjektes, der eigenen Kultur, die Definition des Eigenen mittels des Anderen vollends in Frage stellen.

[8] Obwohl böse Zungen natürlich behaupten könnten, die Arbeit selbst habe den Menschen erschaffen –

so würde dies doch nur eine spezifische Konzeption von Mensch-sein betreffen, welche aus ethischen Gründen als solche sowieso nicht weiter praktiziert werden sollte.